Alltag in Afghanistan (Afghanistan)


Die Rückkehr der Schreckensmänner


(19.06.2006)

Der Angriff geschieht mitten in der Stadt. Als der Konvoi den Basar passiert, explodiert der Sprengsatz, vier amerikanische und zwölf afghanische Soldaten finden den Tod. Am Tag zuvor bot Khost ein friedliches Bild. Als Ausländer wird man bestaunt wie überall in der Provinz, je weiter von Kabul entfernt, desto mehr. Gibt man sich als Deutscher zu erkennen, folgt nicht selten eine Einladung zum Tee. Das würde einem Russen oder Amerikaner nicht passieren. Mit Deutschland verbinden die Afghanen nur Gutes. Noch.

Wie trügerisch die Ruhe ist, erweist sich in der Nacht. Von der direkt in der Stadt angesiedelten Militärbasis der Amerikaner steigen Hubschrauber auf. Sie fliegen tief, in Baumwipfelhöhe, stets in Zweierformation über die Häuser, und es dauert nicht lange, da sind Schüsse zu hören, Gewehrfeuer und die dumpfe Antwort der Bordgeschütze. Wenn es dunkel wird, sind nur die internationalen Truppen, die Regierungsarmee und deren Gegner unterwegs. Und die gewinnen an Terrain. Seien es die Taliban, die als Sammelbegriff für fast alle herhalten, die für Unruhe sorgen, oder die Waffenträger der früheren Warlords, die ihre Macht zurückerobern und ihre Einnahmen aus dem Drogengeschäft nicht aufgeben wollen.

Ein Land auf der Kippe
Vor fünf Jahren sind die Taliban vertrieben worden, jetzt fühlen sie sich wieder stark genug, die Amerikaner, deren Verbündete und die Regierung Karzai auf breiter Front anzugreifen. Im Norden Pakistans verfügen die Taliban über einen Rückzugsraum, in dem sie schalten und walten, sich ausruhen, nach Belieben ausrüsten und dann wieder losschlagen können. Rund fünfhundert Menschen sollen in den vergangenen zwei Monaten bei Anschlägen ums Leben gekommen sein, fast täglich gibt es neue Angriffe: Afghanistan 2006 ist etwas anderes als das Land, das die Taliban für immer verloren zu haben schienen. Es steht auf der Kippe.

Der junge Mann auf dem Holzmarkt von Khost arbeitet trotz der großen Hitze unablässig. Er zerlegt keine Stämme, er hackt Strünke und Wurzeln klein. Die wenigen Bäume, die es noch gibt, fallen den Holzfällern zum Opfer, sogar die Wurzeln werden ausgegraben. In den Bergen um Khost soll es - dank des Wiederaufforstungsprogramms der deutschen GTZ in den sechziger Jahren - einmal ausgesehen haben wie im Bayerischen Wald. Jetzt sind die Hänge und Täler nur noch spärlich bewachsen, die Landschaft versteppt und versinkt in weißlich-gelbem Staub, den man nicht mehr los wird und bald selbst zwischen den Zähnen spürt. Jeder zweite Lastwagen Richtung Kabul transportiert Holz. Doch was ist, wenn der letzte Baum gefällt ist? Der junge Mann in Khost weicht der Frage nicht aus. Er weiß, was er mit seinem Tagwerk, das ihm mal hundert, mal fünfhundert afghanische Rupien einbringt, also einen bis fünf Dollar am Tag, anrichtet. "Doch was sollen wir sonst tun? Wir haben doch nichts anderes mehr."

Abziehen oder sich ändern
Das Dorf Mirajan an der Straße zwischen Khost und Kabul gleicht einer Mondlandschaft. Seit das Dorf Mitte der achtziger Jahre von den Russen bombardiert wurde, hat sich hier nichts mehr getan. In einem Haus zwischen all den Ruinen, in denen die Kinder spielen, sitzen fünf Männer beim Tee. Beim Vorüberfahren sieht man sie kaum in all dem Staub. Was sie erzählen, hört man mit Variationen immer wieder, wenn man mit Leuten im Süden und Osten des Landes spricht. Sie warten darauf, daß sich etwas verändert. Sie fragen sich, wo das viele Geld hingeht, das der Regierung in Kabul angeblich aus aller Herren Länder zufließt. Sie verstehen nicht, warum es noch immer keine Schulen, keine Krankenhäuser und nur wenige neue Straßen gibt. Und sie machen keinen Hehl daraus, daß die Amerikaner als vermeintliche Befreier längst angelangt sind, wo die Russen aufgehört haben - sie sind Besatzer, die die Afghanen genauso fürchten wie die Angreifer, die aus Pakistan über die Grenze kommen. Mit denen würde man schon selber fertig, sagt der Dorfälteste, wenn man nur dürfte. Die Amerikaner aber machten falsch, was sie falsch machen können, durchsuchen nachts die Dörfer, treten Türen ein und bedrängen die Frauen. Sie sollten entweder abziehen oder aber grundlegend ihr Verhalten ändern. Das sagt nicht nur er.

Während wir uns am Straßenrand unterhalten, donnert eine Patrouille vorbei. Die afghanischen Soldaten fahren in ungepanzerten Fahrzeugen vorneweg und hinterdrein, mitten im Konvoi, drei gepanzerte amerikanische Humvees mit aufgepflanzten Maschinengewehren. Sie sollen Stärke demonstrieren, doch sie zeigen bloß, wie verwundbar und ängstlich die fremden Soldaten sind. Sie hetzen durchs Land, drängen den übrigen Verkehr an die Seite und sind doch ein leichtes Ziel für Minenleger und Autobombenattentäter. Auf der Fahrt von Kabul nach Dschalalabad, der Hauptstadt der südöstlich gelegenen Provinz Nangarhar, sehen wir am Horizont eine schwarze Rauchsäule aufsteigen. Es ist abermals ein Selbstmordattentat auf einen Militärkonvoi. Zwei amerikanische Soldaten sterben. Die Afghanen wissen längst, wie gefährlich es ist, auch nur in die Nähe der fremden Soldaten zu kommen. Entweder werden sie von ihnen beschossen oder fliegen mit ihnen in die Luft.

"We hate the Americans"
Mit dem früheren afghanischen Polizeigeneral Sidique Noor fahren wir in Kabul zu der Ausfallstraße, an der Anfang Juni ein amerikanischer Militärlaster, bei dem angeblich die Bremsen versagten, in parkende Autos gerast ist. Die Angaben über die Toten und Verletzten, die es bei diesem Unfall und der anschließenden Schießerei gab, schwanken. Von siebzehn Toten und bis zu sechzig Verletzten ist zumeist die Rede. Die Untersuchung des Vorfalls, der Unruhen in ganz Kabul nach sich zog, dauert an. Die afghanische Polizei will dazu einen Bericht vorlegen, die amerikanische Armee auch. Die Händler, die ihre Geschäfte an dieser abschüssigen, zweispurigen Schnellstraße haben, wissen vor allem eins: "We hate the Americans." So habe sich die Sache zugetragen: Die Amerikaner waren zu schnell und hielten nach dem Unfall nicht an. Niemand habe sich um die Verletzten gekümmert.

Ansonsten aber sei in Kabul alles ruhig, sagt Sidique Noor, der mit seiner Familie Anfang der achtziger Jahre vor den Kommunisten nach Deutschland floh. Er hat für das Landeskriminalamt in Bremen und in Berlin gearbeitet, seit vier Jahren ist er beim deutschen "Projektbüro Polizei" in Kabul. Die Unruhen für einen Tag, der Mob, der durch die Straßen zog, Autos und Guest Houses in Brand setzte und plünderte, hat die Kabulis jedoch verunsichert. Manche Ausländer fühlen sich auch hier nicht mehr sicher. "Als Amerikaner bist du immer ein Ziel", sagt ein ziviler Mitarbeiter der Armee. Sein aus dem Libanon stammender Kollege, der schon seit anderthalb Jahren in Afghanistan arbeitet und, wie er sagt, im Baugeschäft tätig ist, lenkt den Blick lieber auf den Fortschritt, der sich in ganz kleinen Schritten zeige, etwa im Aufbau der Infrastruktur. Und von einem, sagt er, hätten alle Afghanen genug - vom Krieg. Der sechsjährige Ahmed, der uns später auf Kabuls Touristeneinkaufsstraße, der "Chicken Street", nachgelaufen ist, hat sich - für einen Dollar - ganz verschmitzt als Begleitschutz empfohlen. "I am your bodyguard, Mister!" An dem Tag, da wir Kabul Richtung Dscha-lalabad verlassen, wird gemeldet, drei Attentäter hätten sich in einer Moschee in die Luft gesprengt. Die Bombe, die sie bastelten, ging vorzeitig hoch.

Nicht der Mohn blüht, sondern das Getreide
Das größte Problem Afghanistans, sagt der Gouverneur der Provinz Nangarhar, seien die Mullahs. Man dürfe nicht die Taliban im ganzen Land Koranschulen bauen lassen, es müßten vielmehr "weltliche" Schulen für angehende Prediger her. Der Gouverneur ist ein bulliger und volkstümlicher Mann, nach seinem letzten Posten im umkämpften Kandahar muß ihm die Versetzung in den - zur Zeit - ruhigeren Osten wie eine Sommerfrische erscheinen. Er regiert in einer Stadt, die über kein Wassersystem und eine nur stunden- und straßenweise funktionierende Elektrizität verfügt. Um die größten Probleme der Leute kennenzulernen, hat sich Gul Agha Scherzai vor zehn Monaten, als er in Dschalalabad antrat, inkognito auf den Markt begeben und die Leute gefragt, was sie von dem neuen Provinzherrscher denn hielten. Nichts, bekam er zur Antwort, der Neue werde auch nicht weniger unfähig als seine Vorgänger sein. Das stachelte den Gouverneur um so mehr an.
In den Tälern von Tora Bora, den "Weißen Bergen", in denen sich Usama Bin Ladin und Al Qaida bis zum Einmarsch der Amerikaner versteckt hielten, haben sich die Dinge zum Besseren gewendet. Die Dörfer sind wieder aufgebaut, auf den Felderterrassen blüht nicht der Mohn, sondern Getreide. Und die berüchtigten Höhlen, in denen sich in den achtziger Jahren die Mudschahedin vor den Sowjets versteckten und hernach Taliban und Al Qaida vor den Amerikanern, dienen den Bauern als Abstellkammer oder Außentoilette. Usamas Leute treiben sich heute in den Bergen von Kunar herum.

Die Taliban halten ihre Zeit für gekommen
Die Straße zwischen Kabul, Dscha-lalabad und der pakistanischen Grenze war vor Jahren in einem wüsten Zustand. Jetzt sind die kilometerlangen Minenfelder weitgehend geräumt, allerdings nur entlang der Strecke. Wie viele Minen und Sprengbomben im Hinterland liegen, weiß niemand. Doch schafft man die Strecke, die früher zwei Tagesreisen lang war, nun in sechs bis acht Stunden. Am späten Nachmittag wird der Khyber-Paß von Amerikanern und Briten für die Nacht gesperrt. Tausende von Fußgängern trotten schwer bepackt über die Grenze, die endlosen Lastwagenkolonnen müssen bis zum nächsten Tag auf ihre Abfertigung warten. Die pakistanischen Grenztruppen, die berühmten "Khyber-Rifles" in ihren schwarzen Kutten, haben einen Kontrollposten nach dem anderen eingerichtet. In den Grenzkrieg allerdings, der dieser Tage zwischen zwei rivalisierenden Stämmen zu eskalieren droht, greifen sie nicht ein. Und so fahren wir an wilden Heerscharen vorbei, die am Straßenrand MG-Nester und Geschützstellungen aufgebaut haben. Halbwüchsige Jungs haben Kalaschnikows geschultert, alte Männer schleppen Panzerfäuste. In diesen sogenannten "Tribal Areas" gibt es keine staatliche Hoheitsgewalt.

In Akkora Kathak, hundert Kilometer nördlich der pakistanischen Provinzhauptstadt Peshawar, besuchen wir die Hakkania, die berühmte Hochschule der Taliban. Die Studenten bekommen ihre Zeugnisse zum Semesterabschluß, die Jahrgangsbesten werden in der überfüllten Aula nach vorn gerufen und erhalten Buchgeschenke. Sie sind freundlich, bitten uns in ihre Studierstuben. Als einer jedoch fragt, ob es stimme, daß die deutsche Polizei den jungen Pakistaner umgebracht habe, der in diesem Frühjahr ein Attentat auf den Chefredakteur der "Welt" versuchte und sich später im Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit erhängte, droht die Stimmung von einem auf den anderen Augenblick zu kippen.

Der Präsident der Hakkania, Sami Ul Haq, erklärt uns derweil, daß die Taliban in Afghanistan um nichts anderes als ihre Freiheit kämpfen. Die Amerikaner hielten das Land besetzt, die Regierung Karzai leiste nichts für die Menschen. Die Taliban halten ihre Zeit für gekommen. Den pakistanischen Flüchtlingslagern, in denen immer noch hunderttausende von Afghanen leben, drehen die Hilfsorganisationen den Geldhahn zu. Sie wollen die Menschen dazu bewegen zurückzukehren. Es werde einen "heißen Sommer" in Afghanistan geben, haben deutsche Militärs gesagt. Wie heiß, davon haben wir nur eine Ahnung bekommen.


Von: 20.6.2006 Von Michael Hanfeld, www.faz.net

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