Auf der Spur der Taliban


Erkundungsflug in den afghanischen Bergen um Kandahar - eine der Hochburgen der radikal-islamischen Taliban. Die Männer der US-Special Forces bereiten eine Säuberungsaktion von Bodentruppen vor. Nur wenige Tage später beginnt der Einsatz. Das Gebiet auf 2000 Metern Höhe ist nur mit Humvee-Geländewagen zugänglich. Die Männer fürchten besonders versteckte Minen.


(10.10.2005)

Die Fallschirmjäger wirken lässig. Sie sind für den Anti-Terrorkampf ausgebildet - eine Eliteeinheit. In den nächsten zwei Wochen sollen sie zusammen mit afghanischen Soldaten Taliban-Kämpfer aufspüren. Das Gebiet auf 2000 Metern Höhe ist nur mit Humvee-Geländewagen zugänglich. Die Männer fürchten besonders versteckte Minen. Allein in den letzten Wochen wurden durch Sprengfallen elf US-Soldaten getötet.

"Die Taliban, die Aufständischen, finden in solch riesigen Tälern Unterschlupf. Sie gehen von Dorf zu Dorf, um Kontakt zu Gleichgesinnten zu suchen. Dort haben sie auch Leute, die sie mit Lebensmitteln versorgen und was man eben so braucht", erklärt Sergeant Edward Newton.

Mitten im Nirgendwo steht eine Polizeistation. Weit und breit ist kein Polizist zu sehen. Vorsichtig betreten die Fallschirmjäger das Gebäude. Die Räume könnten mit Bombenfallen präpariert sein. Doch bis auf ein paar Matratzen ist das Haus leer. Vielleicht wurden die Polizisten von den Taliban vertrieben; vielleicht sind sie auch zu ihnen übergelaufen.

Jeden Dienstag: Taliban-Versammlung

Die US-Amerikaner schicken die afghanischen Soldaten vor, um die Umgebung zu durchkämmen. Doch auch sie finden keine Spur. "Wir haben von unserem Geheimdienst erfahren, dass die Taliban jeden Dienstag dort drüben in einem Dorf eine Versammlung abhalten", sagt Sergeant Jeremy Gates. Doch als sie angekommen seien, sei niemand mehr da gewesen. Vermutlich hätten sich alle schon wieder in die Berge zurückgezogen. "Unser Geheimdienst sagt uns auch, dass sie dort eines ihrer Basislager haben", erzählt Gates weiter. Immer wieder würden Dorfbewohner dorthin verschleppt, verprügelt und eingeschüchtert.

Diese Information wollen die US-Soldaten überprüfen. Sie wollen die umliegenden Siedlungen durchsuchen und die Bewohner vernehmen. Wie, das haben sie in all den Jahren hier in Afghanistan gelernt: In Privathäusern dürfen sie nicht zu martialisch auftreten. Der Hausbesitzer, ein Bauer, zeigt sich kooperativ, bittet aber die Soldaten, kurz zu warten. Er muss seine Frauen vor den Blicken fremder Männer schützen.

Erst nachdem die Frauen das Haus verlassen haben, kann die Durchsuchung beginnen. Den Soldaten geht es vor allem um Waffen und Munition. Der Bauer könnte ein Sympathisant der Taliban sein. Das weiß man hier nie so richtig. Wer Freund und wer Feind ist, kann man hier - weit weg von der Hauptstadt Kabul - nicht immer erkennen. Er könnte sogar ein Talíb sein, ein Untergrundkämpfer.

Diesmal aber werden keine Waffen gefunden. Auch die Befragung ergibt keine frischen Spuren. Der Bauer klagt vor den US-Soldaten über die Taliban: "Sie kommen aus den Bergen", sagt er, "sie bedrohen uns, stehlen unsere Lebensmittel, unsere Motorräder. Sie nehmen alles mit, was sie wollen. Wir sind hilflos und können dagegen nichts tun." Informationen über die Taliban kann oder will er jedoch nicht liefern.

Keine Waffen, keine Information, keine Taliban

Die Suche geht also weiter - in der nächsten Siedlung, vier Kilometer entfernt. Auch hier werden alle Häuser durchsucht. Auch hier werden keine Waffen gefunden. Viele einfache Bauern stehen unter doppeltem Druck: durch die Taliban und durch die US-Armee. Dann: Ein krankes Kind, es hat hohes Fieber und Schüttelfrost. Der Vater bittet die Soldaten um Hilfe. Sie versprechen ihm, das Kind am Tag darauf in die nächste Stadt zu einem Militärarzt zu bringen.

Systematisch durchkämmen die US-Soldaten das Gebiet. Auch Höhlen und Erdlöcher werden kontrolliert. Nicht selten verstecken Taliban-Kämpfer und ihre Sympathisanten an solchen Orten Waffen und Munition - doch gefunden wird immer noch nichts. Bei den US-Soldaten macht sich Frust bemerkbar: "Viele Leute tun hier nur so, als wären sie auf unserer Seite", sagte Sergeant Gates. Einmal hätten sie einen einflussreichen Mann festgenommen. "Wir fanden bei ihm zu Hause Granaten, Zubehör, um Bomben zu bauen, Maschinengewehre und vieles mehr", erzählt Gates weiter. Doch knapp fünf Stunden später habe jemand aus dem US-Hauptquartier angerufen und gesagt, der Mann müsse freigelassen werden. "Hamid Karsai, der Präsident von Afghanistan, hatte höchst persönlich diesbezüglich angerufen", so Gates.

Sieg gegen die Taliban: Nur mit Hilfe der Afghanen

Überraschend freigelassen wurden vor einigen Monaten auch rund 600 gefangene Taliban. Viele US-Soldaten können Präsident Karsai da nicht verstehen. Zumal manche Taliban schwörten, wieder zu kämpfen. "Es ist undenkbar, dass wir unseren Kampf aufgeben", sagte einer.

Unter diesen Bedingungen und aufgrund der schroffen Landschaft erscheint die Suche nach den Taliban nahezu aussichtslos. Doch die US-Soldaten haben einen Auftrag - und sie geben nicht auf. Allerdings ist ihnen klar: Ohne wirkliche Unterstützung der Bevölkerung werden sie die Taliban nicht besiegen können.

Von: 09. Oktober 2005, http://www.tagesschau.de, von Ashwin Raman für den Weltspiegel

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