BLINDGÄNGER: Alarm in der Zeitbomben-Zone (Deutschland)


Sie sind eine unsichtbare, aber tödliche Gefahr: In Deutschland liegen Tausende Blindgänger aus den beiden Weltkriegen unter der Erde. Das Problem wird verdrängt - doch je länger die Bomben unentdeckt bleiben, desto instabiler werden die Zünder.


(13.11.2008)

Wünsdorf - Hans-Jürgen Weise ist einer der erfahrensten Sprengmeister Deutschlands. Den kritischsten Moment seiner Laufbahn wird er niemals vergessen. Es war 1997 im brandenburgischen Oranienburg, Weise saß in einer Grube neben einer amerikanischen 250-Kilogramm-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg, die Bauarbeiter gefunden hatten.

BLINDGÄNGER: DER SPRENGMEISTER UND SEINE BOMBEN

Der Zünder des Sprengsatzes war derart verbogen, dass er ihn nicht herausschrauben konnte, um die Bombe zu entschärfen. "Also setzte ich eine Hydraulikpresse an, um den Zünder samt Buchse dann aus sicherer Entfernung per Fernsteuerung aus der Bombe zu reißen", erzählt Weise, 65 Jahre alt und fit. "Aber der Detonator bewegte sich nur ein paar Zentimeter, dann war Schluss. Also entschlossen wir uns, die Bombe zu sprengen. Während der Vorbereitungen stieg ich noch einmal in die Grube, um die Hydraulikpresse zu bergen, die Dinger kosten ja immerhin an die 20.000 Euro. Dabei entdeckte ich, dass der Zünder in der Buchse wackelt. Also fing ich an, damit herumzuspielen - und schraubte ihn schließlich mit der Hand heraus."
An das Kribbeln kann Weise sich noch gut erinnern. "Ich hatte so 'ne Gänsehaut auf meinen Armen!", erzählt er. "Da denkt man an nichts. Man schraubt das Ding einfach raus. Ich hätte sie einfach aus der Ferne sprengen lassen können. Aber das ist eben der Ehrgeiz des Sprengmeisters." Als er damals aus der Grube stieg, habe keiner seiner Kollegen was gesagt. "Aber heute sagen sie mir, Du warst damals ein verrückter Hund. Und damit hatten sie wohl recht."

Jedes Jahr eine tödliche Ernte

Weise ist Ende September in Pension gegangen, nachdem er 40 Jahre lang Bomben geräumt hat - in einem Land, das stärker munitionsverseucht ist als jede andere Region Europas. Allein in Brandenburg werden jedes Jahr im Schnitt 631 Tonnen Munition aus beiden Weltkriegen oder von Truppenübungen der Sowjets entdeckt, meist von Bauarbeitern, den Bombenräumern selbst - oder von spielenden Kindern.

In ganz Deutschland sind es insgesamt an die 2000 Tonnen im Jahr, amerikanische oder britische Fliegerbomben, außerdem Geschosse und Munition jeden Kalibers, von der Handgranate und Panzermine aus deutscher Fertigung bis zu russischen Artilleriegeschossen. Es vergeht im Prinzip keine Woche, in der nicht Stadtviertel oder sogar Autobahnen abgesperrt werden müssen, um einen Blindgänger zu bergen.

Nazi-Deutschland war die erste Kriegspartei, die im Zweiten Weltkrieg auch zivile Ziele mit massiven Luftschlägen attackierte und etwa in Warschau oder London große Verwüstungen anrichtete. Aber die Deutschen haben dafür bitter gebüßt: Fünf Jahre lang flogen alliierte Bomber Angriffe auf Deutschland und warfen dabei 1,9 Millionen Tonnen Bomben ab - um die Industrie des Gegners zu zerstören und die Moral der Bevölkerung zu brechen. Bei diesen Luftangriffen kamen schätzungsweise 500.000 Menschen ums Leben.

Fünf bis 15 Prozent der Bomben, je nachdem welchen Hochrechnungen man glaubt, sind nach dem Abwurf nicht detoniert, was 95.000 bis 285.000 Tonnen an Blindgängern entspricht. Doch Nachkriegsdeutschland wollte seine Städte schnell wieder aufbauen, und die Behörden nahmen sich nicht die Zeit, die sie benötigt hätten, um dieses gefährliche Erbe zu orten und unschädlich zu machen. Deshalb lauert die Gefahr bis heute unter Straßen und Häusern.

Jeden Tag Alarm

"Wir haben eigentlich jeden Tag zwei oder drei Anrufe bekommen, dass irgendwo auf Baustellen oder sonst wo Bomben oder Munition gefunden wurden", erinnert sich Heise, der ehemalige Leiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes im westlichen Teils Brandenburgs. Weise und seine 70 Kollegen haben laut Auskunft eines Behördensprechers von 1991 bis 2007 insgesamt 10.733 Tonnen Weltkriegsbomben und -munition unschädlich gemacht oder geborgen.

Kosten der Aufräumaktion: 259 Millionen Euro

Wenn Munition ausgegraben wird, können Experten sie in der Regel ohne Gefahr abtransportieren und auf einem Sprengplatz entweder demontieren oder kontrolliert zur Explosion bringen. Bei Fliegerbomben ist es meist anders: Viele dieser Sprengkörper sind zu gefährlich, als dass man sie transportieren könnte, vor allem solche mit Langzeitzündern. Sie müssen entweder entschärft werden, indem man den Zünder entfernt, oder direkt vor Ort gesprengt werden.

Sprengmeister Weise glaubt, dass es noch 20 Jahre dauern kann, bis Brandenburgs Bomben endgültig geräumt sind. Wobei gerade diese Region besonders viele US-Bomben mit Langzeitzündern abbekommen hat, deren Zustand derart instabil ist, dass sie sich wohl bald gar nicht mehr entschärfen lassen. Es könnte in vielen Fällen wenig fehlen, um diese Zünder hochgehen zu lassen, denn die Zellulosescheiben im Auslösemechanismus sind häufig von Aceton-Dämpfen des chemischen Zünders angefressen. Und sie liegen jetzt bereits seit mehr als sechs Jahrzehnten im Boden.

Im Grund schlummert die Gefahr

"In letzter Zeit haben wir festgestellt, dass die Zünder aus solchen Fliegerbomben sehr porös aussehen", sagt Weise. "Ich weiß von drei Zündern, die kurz nach dem Rausschrauben einen seltsamen Zischlaut - 'psschschsch' - gemacht haben. Durch die Erschütterung des Transports wurden sie ausgelöst. Schon bald werden solche Zünder so brüchig sein, dass man sie nicht mehr sicher von der Sprengladung entfernen kann. Kann sein, dass wir solche Dinger schon im kommenden Jahr gar nicht mehr entschärfen können."

Selbstentzündungen haben über die Jahre schon mehrere Menschen in Oranienburg verletzt. Experten warnen, dass die Gefahr solcher Explosionen wächst, je länger die Fliegerbomben noch im Boden stecken.

Allein 20.000 Bomben mit Verzögerungszünder wurden über Oranienburg abgeworfen, weil hier eine Atomversuchsanlage vermutet wurde und ein Flugzeugwerk von Heinkel sowie eine Pharma-Fabrik angesiedelt waren. Die Bomben waren so konstruiert, dass sie erst zwei bis 146 Stunden nach dem Aufschlag explodierten - um maximales Unheil anzurichten, wenn die Menschen wieder aus den Luftschutzkellern kamen und sich an die Aufräumarbeiten machten.

Doch viele Bomben detonierten gar nicht, weil Oranienburg auf einer weichen Sandschicht über einem festen Kieselbett liegt. Die Geschosse durchschlugen Erde und Sand, prallten am Kies ab - und blieben mit der Spitze nach oben stecken. In genau dieser Position stoppt aber die Erdanziehungskraft die Auslösung der chemischen Zeitzünder, der aus einer Ampulle mit Aceton besteht. Eigentlich soll das Glas beim Aufprall platzen und die Säure dann abwärts tropfen und einen Stopper aus Zellulose oder Plastik zersetzen, der den vorgespannten Schlagbolzen blockiert. Wenn das Aceton aber in die falsche Richtung tropft, weil die Bombe aufwärts steht, greifen nur die Aceton-Dämpfe den Stopper an. Die Zeitverzögerung bei der Detonation kann dann Jahrzehnte dauern.

Weise hat im Laufe seiner Karriere 394 solcher großen Fliegerbomben entschärft - und 47 davon besaßen den gefährlichen Langzeitzünder.

Von: 14.11.2008, von David Crossland, www.spiegel.de

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