Bosnien-Herzegowina: Im Wald wartet der Minentod


Auch nach dem Kriegsende fordern in Bosnien-Herzegowina Antipersonenminen Todesopfer. Das Holzsammeln kann für Dorfbewohner lebensgefährlich sein.


Minenräumung in Bosnien-Herzegowina. (c) P. Vermeulen / Handicap International

(05.12.2013)

Sie töten, auch wenn der Krieg schon längst beendet ist: Täglich sterben weltweit zehn Menschen durch den Einsatz von Antipersonenminen. Welche Verheerungen dieses Kriegswerkzeug noch anrichtet, wenn der bewaffnete Konflikt schon längst beendet ist, zeigt sich in Bosnien-Herzegowina. Dort liegen knapp zwei Jahrzehnte nach Kriegsende immer noch 120.000 Minen vergraben. Während der urbane Raum zwischenzeitlich komplett gesäubert wurde, leidet vor allem die arme Landbevölkerung in den entlegenen Gebieten an der tödlichen Präsenz der Minen.

Adilja Bijelic erinnert sich schmerzlich, als sie kurz nach Kriegsende wieder in ihr altes Zuhause zurückkehrte. Der kleine Ort Olovo, 50 Kilometer nördlich von Sarajevo, war während der Kämpfe zur Frontlinie geworden, die Familie hatte fliehen müssen. "Als wir wiederkamen, war alles zerstört und wir begannen unser Haus wieder aufzubauen", erzählt die heute 62-Jährige. Nach der Rückkehr waren die Gefechte zwar beendet, die umliegenden Wälder jedoch immer noch vermint. Eines Tages ging Adiljas Ehemann Fehim wie so oft zum Holzsammeln in die umliegenden Wälder. "Wiedergekommen ist er nicht mehr", erzählt sie mit leiser Stimme.

Fehim wurde durch die Explosion einer Landmine getötet. Das war 1996. "Man hat uns damals gesagt, dass alles besser werden wird und dass die Minen in der Nähe der Häuser verschwinden werden". Doch immer noch sind die Wälder des Ortes vermint, immer wieder kommt es zu tragischen Zwischenfällen.

So auch im August 2012, als Adiljas Sohn Ibrahim Bijelic und ihr Enkel Tarik kaum 500 Meter vom Familienhaus entfernt Feuerholz sammelten. "Das Waldstück galt eigentlich als sicher. Unfälle gab es schon lange keine mehr, aber diesmal. . ." Ibrahim stockt der Atem. Er fasst sich an die Brust. Seit der Explosion einer Antipersonenmine hat er Schrapnelle in seinem Körper stecken. Solange die Metallstücke im Körper nicht zur Ruhe kommen, ist eine Operation zu gefährlich.

Der Vater kann seinen Sohn nicht mehr retten
"Tarik, mein Sohn, war erst sechs Jahre alt", sagt Ibrahim, die Augen auf den Boden gerichtet. Es war der Bursche, der die Mine unabsichtlich mit einem großen Ast auslöste. Im Bruchteil einer Sekunde kam es zur Explosion. Vater und Sohn sanken zusammen. Selbst schwer verletzt, versuchte Ibrahim alles, um Tarik ins Krankenhaus zu bringen. "Ich habe ihn aufgehoben und bin durch den Wald gelaufen, so schnell ich konnte", versichert Ibrahim mit zitternder Stimme. Doch es war bereits zu spät. Tarik war tot. Eines der Schrapnelle hatte das Herz des Sechsjährigen durchbohrt. Tarik verblutete in den Armen seines Vaters.

Seit Ende des Krieges sind in Bosnien etwa 1700 Menschen in Minenunfälle verwickelt gewesen. Knapp 600 von ihnen starben, der Rest wurde zum Teil schwer verletzt. In vielen Fällen mussten Gliedmaßen amputiert werden.

Nicht zuletzt aufgrund der Situation in Bosnien wurde im Herbst 1997 der internationale Vertrag zum Verbot von Antipersonenminen verfasst. Bosnien selbst war eines der ersten Länder, die unterzeichnet haben. Die Ratifizierung sieht unter anderem vor, dass Mitgliedsstaaten innerhalb von zehn Jahren Minenfelder auf ihrem Territorium räumen. "Dieses Ziel mussten wir bereits um ein Jahrzehnt verschieben", sagt Sasa Obradovic vom Bosnia & Herzegovina Mine Action Center. Es mangelt nicht an professionellem Personal oder technischem Equipment, sondern einzig an den finanziellen Voraussetzungen. Für die Räumung der verbliebenen Minen benötigt das krisengebeutelte Land jährlich 40 Millionen Euro, sagt Obradovic.

Bittere Armut lässt Leute hohes Risiko eingehen
Doch was treibt die Menschen trotz der immensen Landminengefahr in die Wälder? "Es ist bittere Armut", sagt Amir Mujanovic, Direktor der Landmine Survivors Initiative. "Die Menschen haben oft gar keine andere Wahl, sie müssen in die Wälder gehen." Arbeitsplätze gibt es in den ländlichen Gebieten kaum. Wer finanziell überleben will, sammelt im Wald Feuerholz und Früchte.

Hinzu kommt, dass die Gefahr immer wieder unterschätzt wird und auch in als sicher geltenden Gegenden regelmäßig neue Minen entdeckt werden. Die Landmine Survivors Initiative steht Überlebenden von Minenunfällen finanziell und psychologisch zur Seite. Neben der Reintegration in die Gesellschaft geht es darum, den Menschen eine alternative Existenzgrundlage zu ermöglichen und sie davon abzuhalten, erneut in die Wälder zu gehen.

Die Art der Hilfestellung durch die NGO variiert. In vielen Fällen stellt sie ein Gewächshaus oder ein landwirtschaftliches Nutzungsgerät zur Verfügung, damit die Betroffenen einen eigenen Lebensunterhalt erwirtschaften können. Am Tag nach Tariks Tod besuchte Amir Mujanovic die Familie von Ibrahim Bijelic und versprach zu helfen. Kurze Zeit später übergab die NGO Ibrahim einen Traktor mit Anhänger.

"Es war wichtig, Ibrahim bald wieder zu ermöglichen, selbst für seine Familie zu sorgen", sagt Mujanovic. Ibrahim lächelt, wenn er von diesem Geschenk spricht, das durch finanzielle Unterstützung vom UNO-Entwicklunsprogramm (UNDP) und von Norwegian Aid zustande gekommen ist. "Wie sonst hätte ich meine Familie weiter ernähren können?", fragt der trauernde Vater. Heute kann er in entlegenen, sicheren Waldstücken abseits der ehemaligen Frontlinien Brennholz suchen und dieses dann in der Nachbarschaft verkaufen.

Ohne Opferhilfe wäre die Existenz der Bijelics gefährdet gewesen. Irgendwann hätte sich vielleicht auch Ibrahim wieder die Frage gestellt, ob er trotz allem nicht doch wieder in die Wälder gehen sollte. Die Familie ist arm, hat nicht einmal Zugang zu fließendem Wasser. Nach dem Krieg musste alles neu aufgebaut werden. Drei kleine Kinder hat Ibrahim, für die er sorgen muss, das jüngste ist gerade ein Jahr. Seinen Bruder Tarik konnte er nicht mehr kennenlernen.

Die Ottawa-Konvention gegen Antipersonen-Minen

Der Vertrag zum Verbot von Antipersonenminen wurde 1997 im kanadischen Ottawa unterzeichnet. An seinem Zustandekommen hatte auch Österreich in vorderster Reihe mitgewirkt. Für ihre Bemühungen erhielten die Internationale Kampagne für das Verbot von Landminen, ein aus hunderten NGOs bestehendes Netzwerk, und ihre Koordinatorin Jody Williams den Friedensnobelpreis.

Bis heute haben 161 Nationen den Vertrag unterzeichnet und sich bereit erklärt, auf die Verwendung von Landminen in Kriegen zu verzichten, die Neuproduktion einzustellen und alte Bestände zu vernichten. Große Waffenproduzenten wie die USA, Russland oder China haben aber bisher ihre Unterschrift verweigert.

Diese Woche tagten in Genf die Vertragsstaaten der Antipersonenminen-Verbotskonvention und zogen dabei Bilanz: Seit dem Jahr 1999 ist die Anzahl der jährlichen Todesopfer, verursacht durch Landminen, um 67 Prozent zurückgegangen. Doch noch immer sterben täglich im Durchschnitt zehn Menschen durch den Einsatz dieses Kriegswerkzeuges.

Aktuell übt Österreich den Ko-Vorsitz im Ausschuss für Opferhilfe der Antiminen-Verbotskonvention aus. Dieses Engagement hat bereits Tradition. Während der Verhandlungen über die Streumunitionskonvention war es auch dem diplomatischen Geschick der österreichischen Vertreter zuzuschreiben, dass die Verpflichtung der Mitgliedsstaaten zur Opferhilfe als Artikel der Konvention rechtlich verankert wurde. Im vergangenen Jahr hat Österreich einen besonderen Schwerpunkt auf die Unterstützung von Kindern als Opfer von Minen gelegt. Außerdem beteiligt sich Österreich über diverse Hilfsprogramme auch mit finanzieller Unterstützung.

Quelle: Wiener Zeitung

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