Bosnien-Herzegowina: "Müssen die Menschen vor der Gefahr warnen"


Angesichts der schweren Überschwemmungen in Bosnien gibt es die Sorge, dass gefährliche Landminen aus dem Boden gespült und in bisher unverminte Gebiete geschwemmt wurden. Thomas Küchenmeister, Minenexperte, klärt auf.


(20.05.2014)

DW: Herr Küchenmeister, wie viele Landminen liegen heute noch in Bosnien-Herzegowina herum?
Thomas Küchenmeister: Das weiß man nicht so genau. Was man ziemlich genau sagen kann ist, dass eine Fläche von etwa 1300 Quadratkilometern - also eineinhalb Mal die Fläche von Berlin - kontaminiert ist. Entweder mit Blindgängern oder mit Landminen. Etwa eine halbe Million Menschen sind davon betroffen.
Sind es eher viele oder wenige Landminen, wenn man die Situation beispielsweise mit Afghanistan oder Kambodscha vergleicht?

Es sind weniger als in Afghanistan und Kambodscha. Aber sie sind in einigen Bereichen sehr konzentriert. Während des Krieges verlegte man hauptsächlich entlang der Frontlinien große Minenfelder. Also nicht überall im Land, sondern vor allem reichlich an den strategisch wichtigen Bereichen.
Wusste man denn in Bosnien-Herzegowina, wo genau die Minen liegen?
Ja. Es hat eine große Untersuchung gegeben, wo die Minenfelder angelegt wurden. Dafür hat man auch auf die Expertise der Soldaten zurückgegriffen, die damals an der Verlegung der Minen beteiligt waren. So konnte man damals gefährliche Bereiche absperren und für die Bevölkerung unzugänglich machen. Danach begann man damit, diese Gebiete systematisch zu durchsuchen und die Minen zu räumen.
Und in Bosnien-Herzegowina ist das noch immer nicht abgeschlossen? So viele Jahre später?
Nein, die Minen sind noch immer ein Problem. Die Räumarbeiten und die Suche sind noch nicht abgeschlossen, viele Gebiete sind noch immer für die Bevölkerung gesperrt.
Es gibt unterschiedliche Methoden, um Minen zu suchen - mit Drohnen, Ratten, Bienen oder sogar mit gentechnisch veränderten Pflanzen - welche Methode ist zurzeit die Verlässlichste?
Die verantwortungsvollste Suche ist noch immer die Suche von Hand. Minen bestehen häufig aus Plastik - und da hilft ein Metalldetektor wenig. Wenn man eine Mine finden will, muss man wirklich Zentimeter für Zentimeter den Boden umgraben. Das ist sehr zeit- und kostenintensiv.
Daneben gibt es die Methode der mechanischen Minenräumung. Dabei lässt man eine Art Waldfräse über Minenfelder fahren, und bringt so die dort verlegten Minen zu Explosion. Dieses Verfahren ist meiner Einschätzung nach jedoch nicht fehlerfrei und lässt sich auch nicht auf jedem Terrain anwenden.
In einem dicht bewaldeten Gebiet kommt man beispielsweise mit einer Fräse nicht durch. Und gerade in Bosnien-Herzegowina gibt es viele bewaldete Regionen. Dort ist die Handsuche zurzeit das einzige zuverlässige Mittel.
Nun scheint die Situation eine andere zu sein - es heißt, dass durch die Hochwasser Minen weggespült wurden. Für wie hoch halten sie diese Wahrscheinlichkeit?
Das ist sehr wahrscheinlich. Vor allem die Ufer von Flüssen oder Bächen sind aus militärischer Sicht ein sehr beliebter Platz, um Minen zu verlegen. Das ist garantiert auch in Bosnien-Herzegowina so passiert.

Vollständiges Interview unter http://www.dw.de/küchenmeister-müssen-die-menschen-vor-der-gefahr-warnen/a-17646238


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