Darwin's Nightmare»: Im Herzen der Finsternis (Filmkritik)


In seinem preisgekrönten Dokumentarfilm über Tansania führt der Österreicher Hubert Sauper in hartnäckigen Recherchen den Beweis, dass die Frachtflugzeuge nicht leer nach Tansania kommen. Obwohl sich alle darüber ausschweigen, werden an Bord - neben humanitären Hilfsgütern - Kalashnikovs, Minen und Bomben für die vielen Bürgerkriege auf dem afrikanischen Kontinent transportiert.


(07.11.2005)

In seinem unter die Haut gehenden und preisgekrönten Dokumentarfilm begegnet der Österreicher Hubert Sauper in Tansania dem nackten Leben - wo der Raubfisch Globalisierung die Kleinen in bedrückender Anschaulichkeit frisst. Er kommt dabei ohne Thesen und Kommentar aus, sondern erlangt eine kraftvolle Aussage durch die Intimität des «Mittendrin».

Bereits der Auftakt in «Darwin's Nightmare» ist stark. Aus der Vogelperspektive sieht man in blauem Wasser dicht unter der Oberfläche einen Fisch schwimmen. Der Fisch jedoch ist der Schatten eines Flugzeugs, wie man bald registriert. Das Flugzeug bringt die Welt an den Viktoriasee nach Tansania. Die Welt, das sind die Industrieländer des Nordens. Hier landen russische Frachtflugzeuge, um anderntags mit hunderten Tonnen frischer Fischfilets abzuheben.

Der Nilbarsch gehört als Exportschlager zur Haupteinnahmequelle des ostafrikanischen Landes. Der Bevölkerung sichert er die Existenz: Sie lebt von der Fischerei und verarbeitet ihn in Fabriken zu Delikatessen - für uns. Das Zynische am «Erfolg»: In den Sechzigerjahren wurde der Nilbarsch in einem wissenschaftlichen Experiment im tropischen Gewässer angesiedelt. Heute hat er nahezu alle der ursprünglich 400 Fischarten ausgerottet und irgendwann wird er keine Nahrung mehr finden. Der wirtschaftliche und ökologische Kollaps ist vorprogrammiert.

Der gut gemeinte Versuch der Ersten Welt entpuppt sich hier ganz konkret als hungriger Raubfisch. Gleichsam dient Hubert Sauper der Nilbarsch in seinem Dokumentarfilm als Metapher für den globalisierten Kapitalismus, der weitere Kreise zieht. In hartnäckigen Recherchen führt er den Beweis, dass die Frachtflugzeuge nicht leer nach Tansania kommen. Obwohl sich alle darüber ausschweigen, werden an Bord - neben humanitären Hilfsgütern - Kalashnikovs, Minen und Bomben für die vielen Bürgerkriege auf dem afrikanischen Kontinent transportiert.

Der österreichische Regisseur geht nahe, sehr nahe ran, so dass man zuweilen fast den stinkenden Fisch zu riechen vermeint. Der globale Handel von Kriegsmaterial und Lebensmitteln erzeugt an den Ufern des Viktoriasees eine eigentümliche fiebrige Stimmung. Der Filmer trifft auf das nackte Leben - der Überlebenskampf ist hier eine Daseinsform. Zu Saupers Protagonisten gehören Bauern, die ihre Tätigkeit aufgeben und als Fischer ihr Glück suchen; Strassenkinder, die um eine Handvoll Reis raufen, sich Leim sniffend berauschen oder sich beinahe töten; tansanische Prostituierte, die den russischen Piloten zu Diensten stehen und dabei das Leben riskieren; ein Pastor, der Kondome zur Sünde Gottes erklärt, während junge Mütter im Dorf an Aids dahinsiechen; ein Enthüllungsjournalist, dessen Erkenntnisse Sauper aufnimmt.

Sauper schleust sich ein in diesen Alptraum, der unter dem Bann von Darwins Ausspruch «Survival of the fittest» steht. Oft filmte er heimlich mit der Handkamera und überlistete und täuschte «Autoritäten» wie Militär und Polizei. «Um mit den Frachtflugzeugen hin- und her zu fliegen, mussten wir uns mit weissen Hemden, gebügelten Hosen und gefälschten Papieren bewegen, als Piloten verkleidet gingen wir durch die Kontrollen. In den Dörfern sah man selten Weisse, und man hielt uns demnach für Missionare», berichtet er. Einen grossen Teil des Filmbudgets verschleuderte er, als er sich die Freiheit wieder erkaufen musste, wenn er in lokalen Gefängnissen landete.

Das Grenzgängerische hat auf den Stil von «Darwin's Nightmare» abgefärbt. Das körnige, wacklige Bild erweckt einen äusserst intimen Eindruck. Sauper formuliert keine Thesen, kommt ohne Kommentar aus und doch klagt er eindringlich die Mechanismen des Kapitalismus - die Weltordnung als darwinistisches System - an. Die Kleinen werden gefressen. Er berichtet aus dem «Mittendrin» mit bedrückender Anschaulichkeit. Trotz ähnlicher Absicht unterscheidet er sich radikal von Michael Moores aufrührerischem Kino der Selbstdarstellung. Seine politische Aussage, die mit subtileren Mitteln etwa der Allegorie arbeitet, ist dabei nicht minder kraftvoll.

Von: 03 November 2005, http://www.zisch.ch von Birgit Schmid

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