Der Mythos von den Spür-Bienen (Kroatien/Deutschland)


Forschung: Warum die Insekten bei der Minensuche nicht hilfreich sind.


(09.08.2007)

Zagreb. Es klingt unglaublich: Bienen schwärmen über Kroatiens Wiesen und spüren tödliche Landminen auf, die dort seit dem Kroatien-Krieg (1991-1995) verborgen liegen. Ein Szenario, das Wissenschaftler der Universität von Zagreb als Lichtblick im künftigen Kampf gegen die etwa 250 000 Minen sehen. Denn die kleinen Insekten lassen sich innerhalb weniger Tage so auf den Geruch des Sprengstoffs dressieren, dass sie versteckte Minen ansteuern. Nikola Kezic, ein Professor für Agrarwissenschaften an der Universität, ist davon begeistert. "Die Ergebnisse der Experimente sind ausgezeichnet."
Immer wieder taucht der Bienen-Mythos auf
Seit einigen Jahren taucht die Geschichte von kleinen Bienen auf großer Minen-Mission regelmäßig auf und hält sich hartnäckig. Dabei ist sie offenbar nicht mehr als eine nette Theorie.
Ja, Bienen können für Düfte sensibilisiert werden. "Dass diese Versuche auf freiem Feld funktionieren, ist aber illusorisch", sagt Margret Rieger vom Referat Bienenkunde der Landwirtschaftskammer NRW. Bienen könnten zwar innerhalb kürzester Zeit für jeden Geruch sensibilisiert werden, "das funktioniert aber nur, wenn eine Futterquelle da ist". Denn die Insekten fliegen nur dorthin, wo sie eine Belohnung erwarten können.

Und selbst, wenn die Bienen so dressiert sind, dass sie erst den Sprengstoff aufspüren und danach belohnt werden, ist das für die Minensuche wenig hilfreich: "Wahrscheinlich würden sie beim zweiten Versuch aber keine zweite Mine anfliegen, sondern wieder zum selben Ort fliegen", sagt Einar Etzold, Agraringenieur am Länderinstitut für Bienenkunde, das an die Humboldt Universität Berlin angeschlossen ist. Denn die Biene betrachtet diesen Ort als Futterquelle ' warum sollte sie bei einem neuen Ausflug nach einem anderen suchen?
Hinzu kommt, dass die schwarz-gelben Insekten den Sprengstoff zwar aufspüren, aber nicht genau orten können. Zum einen ist der Geruch recht schwach, weil die Minen unter der Erde liegen, zum anderen wird er in alle Richtungen verströmt. "Die Bienen werden nicht losfliegen und sich auf eine Mine setzen", ist sich Rieger sicher. "Sie können höchstens anzeigen, dass irgendwo in einem größeren Umkreis von mehreren Metern Minen liegen." Allein auf die Bienen kann man sich bei der Suche also nicht verlassen.
Außerdem lassen sich die Insekten nur bedingt dressieren. "Wenn sie von einem anderen Geruch abgelenkt werden, sind sie schneller weg als sie gucken können", sagt Rieger.
Und ist eine auf Sprengstoff dressierte Biene einmal entwischt, müssen Forscher wieder neue Tiere konditionieren ' und das einzeln. "Mehrere Bienen auf einmal loszuschicken, ist Unsinn", sagt Agraringenieur Etzold. Zum einen würden sie sich wahrscheinlich gemeinsam auf den Weg machen, "zum anderen hat man dann überhaupt keine Kontrolle über sie", erklärt er.
Ständig müssten neue Bienen dressiert werden
Es liegt auch gar nicht in der Natur der Bienen, gemeinsam auszuschwärmen. "Die Arbeitsteilung innerhalb eines Volkes sieht vor, dass eine Flugbiene eine Futterquelle ausfindig macht und den anderen Bienen mit einer Futterprobe vermittelt, wo es etwas zu fressen gibt." Eine Idee der Natur, die bei der Minensuche wenig hilfreich ist.
Der Lichtblick der kroatischen Forscher scheint sich endgültig zu verdunkeln. Denn es gibt noch eine weitere Schwierigkeit, die zunächst vielversprechenden Laborversuche in der Praxis anzuwenden: "Bienen werden nur etwa sechs Wochen alt", sagt Rieger. Es müssten ständig neue Insekten auf Sprengstoff dressiert werden. "Das ist ein wahnsinniger Aufwand, der kaum Erfolg verspricht. Da ist es besser, sich auf Spürhunde oder Ratten zu verlassen."

Von: www.wz-newsline.de, von Bettina Vogt

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