Ein Stück USA hinter dem Kaktusvorhang (Kuba)


Für Kuba ist Guantánamo ein "kolonialer Schandfleck"


(26.01.2009)

Hendrik Bebber, LondonNach Präsident Obamas Entscheidung, das Lager in Guantánamo binnen eines Jahres zu schließen, wächst in Havanna die Hoffnung, dass auch der "koloniale Schandfleck" ausgelöscht wird und das US-Territorium nach 106 Jahren wieder zurück an Kuba fällt.

Die Bucht von Guantánamo wurde 1898 von der US-Marineinfanterie erobert. Zur Unterstützung kubanischer Revolutionäre hatte die USA den spanischen Kolonialherren den Krieg erklärt. Nach der Revolution betrachteten sich die USA als Schutzmacht Kubas. 1903 unterzeichnete die erste kubanische Regierung als Gegenleistung für die Souveränität einen Vertrag mit den USA, in dem sie die Bucht von Guantánamo auf "Dauer" als amerikanischen Flottenstützpunkt verpachtete. Die Miete für die 118 Quadratkilometer an der Ostspitze der Insel wurde auf 2000 Golddollar festgesetzt. Die beiden Länder erneuerten 1934 das Abkommen mit der Regelung, dass es nur im gegenseitigen Einvernehmen aufgelöst werden kann.

Auch nach Fidel Castros Revolution überwies das US-Schatzamt weiter die Schecks, die heute auf einen Betrag von 4085 Dollar ausgestellt werden. Freilich verzichtete Kuba seit 1959 auf die Einlösung und pochte auf die Rückgabe des Territoriums. Obwohl die USA 1979 die ebenfalls 1903 begonnene Kontrolle der Kanalzone Panamas beendete, machte sie keine Anstalten, das Relikt des amerikanischen Imperialismus aufzugeben.

Völkerrechtler wiesen daraufhin, dass nach einem Urteil des Internationalen Gerichtshofes in Den Hag aus dem Jahre 1947 der Pachtvertrag ungültig sei, da er "von einer imperialistischen Macht einem schwächern Staat aufgenötigt wurde". Zudem hätten die USA den Stützpunkt nur zum Zweck der Wasser- und Kohleversorgung ihrer Flotte bekommen. Alle andere Nutzung - insbesondere der Unterhalt von Gefangenenlagern - widersprächen dem Sinn und Inhalt des Vertrages.

Größtes Minenfeld der WeltNach Castros Revolution riegelten Kuba und die USA die Guantánamo-Bucht hermetisch ab. Die USA legten 75000 Landminen im Niemandsland zwischen dem Stützpunkt und Kuba. Es war das größte Minenfeld der Welt nach Korea, bis Präsident Clinton 1996 die Räumung anordnete. Auch Kuba verbuddelte Landminen zur Grenze und pflanzte dazu noch undurchdringliche Kaktusfelder an. Das völkerrechtliche Niemandsland von Guantánamo wurde von den USA bereits in den frühen 90er Jahren für umstrittene Gefangenlager benutzt. So wurden hier Flüchtlinge aus Haiti festgehalten, die von der US-Marine auf hoher See gestellt wurden. Diese Praxis wurde 1993 vom höchsten amerikanischen Gericht als ungesetzlich verboten.

Hinter dem "eisernen Kaktusvorhang" von Guantánamo steckt ein Stück USA in der Karibik. Die 8500 Soldaten und ihre Familie brauchen vom Baseballfeld bis zu "McDonalds" auf kein Heimatgefühl zu verzichten. Eine Meerwasserentsalzungsanlage und große Windkraftwerke sorgen dafür, dass der Stützpunkt völlig von der kubanischen Versorgung unabhängig ist.

Von: 27.01.2009, www.giessener-anzeiger.de

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