Eine Prothese für Miss Landmine


Ein Schönheitswettbewerb in Angola gerät in die Kritik. Bei "Miss Landmine 2008" stellen sich Frauen zur Wahl, denen die perfiden Kriegswaffen die Glieder zerfetzten. Hauptgewinn: eine Beinprothese. Der norwegische Ausrichter der Schau hält das für Kunst.


(03.12.2007)

Berlin - Ana Diogo steht am Strand, ein leichtes Lächeln auf den Lippen, den Kopf geneigt. Sie trägt ein weißes Kleid, hinter ihr geht die Sonne unter. Mit dem linken Arm stützt sie sich auf eine Krücke. Ana Diogo fehlt ein Bein. Ihren Kopf ziert ein Krönchen, über den Körper hat sie eine Schärpe gelegt. "Miss Landmine" steht darauf.

Was auf den ersten Blick wie ein makabrer Scherz wirkt, ist ein Projekt, das der norwegische Regisseur Morten Traavik ins Leben gerufen hat. Zehn Angolanerinnen sollen um den Titel der "Miss Landmine" konkurrieren, zu gewinnen gibt es eine Beinprothese. Nach eigener Aussage will Traavik mit dem Schönheitswettbewerb auf das Schicksal der mehreren tausend Landminenopfer in Angola aufmerksam machen.

Dazu hat er eine Website mit klassischer Miss-Wahl-Optik und Hintergrundinformationen eingerichtet. Oben prangt ein Knopf in Sternform mit der Aufschrift: "Vote now" ("Wählen Sie jetzt"). Es gibt ein schickes Logo, eine Slideshow mit den Kandidatinnen, Lebensläufe, Träume, Ziele. Ein Fotograf hat die zehn Angolanerinnen in Modelposen abgelichtet.
Klickt der Besucher auf die Bilder der Teilnehmerinnen, bekommt er weitere Informationen zu den Frauen: Alter, Anzahl der Kinder, Beruf (etwa: "Arbeitslos, verkauft aber Tomaten auf der Straße, wenn sie an welche herankommt") und Lieblingsfarbe. Außerdem ist vermerkt, in welchem Jahr sich die Explosion ereignete, bei dem die Betreffende ein Bein verlor - samt Fabrikat, Herstellerland und Preis der Mine. Die zwölf Euro, die die Mine gekostet hat, die demnach Ana Diogo das linke Bein abriss, sind aber nicht der einzige Preis auf der Seite: Traavik hat zusätzlich die Kosten von Schmuck und Kleidung jedes Models aufgeführt, inklusive Hersteller und Name des Hotels, in dem die Fotos aufgenommen wurden.

Neuer Blick auf die Schönheit?
Nun sollen die User abstimmen, wer "Miss Landmine" wird. 4210 Stimmen sind laut Website bislang abgegeben. Es führt demnach mit 1213 Stimmen Maria Restino Manuel, die ihr rechtes Bein vor zehn Jahren verlor, damals war sie 15. Ob sie gewinnt, wird sich am 4. April zeigen: Dann soll die Siegerin in Angola gekürt werden.

Angola gilt als eins der am stärksten mit Landminen belasteten Länder der Erde. Millionen Sprengsätze liegen nach dem jahrzehntelang andauernden Bürgerkrieg im Boden des afrikanischen Landes. Uno-Angaben zufolge haben Minenräumungsprogramme erste Erfolge gebracht, aber noch immer müssen 2,2 Millionen Angolaner täglich fürchten, auf eine Mine zu treten. Allein in den vergangenen drei Jahren sind laut Aktionsbündnis Landmine 421 Menschen in Angola durch Landminen und Blindgänger ums Leben gekommen. Tausende haben überlebt - schwer verletzt, amputiert, ein Leben lang behindert.

Morten Traavik will nach eigenem Bekunden aufrütteln. Die Idee zu der Misswahl sei ihm gekommen, als er mit seiner damaligen Freundin bei deren Vater in Angola war. "Man kann außerhalb der Hauptstadt Luanda nirgendwo hingehen, weil man damit rechnen muss, auf eine Mine zu treten", sagte Traavik SPIEGEL ONLINE. Schönheitswettbewerbe seien in Angola zudem sehr beliebt, daher habe er sich dafür entschieden, seine Aktion in der gleichen Form zu gestalten - als "Kunstprojekt mit einem humanitären Standpunkt". Er wolle mit Miss Landmine auch einen neuen Blick auf Schönheit wecken. "Es geht nicht darum, die 'Miss World' ohne Beine zu wählen", so Traavik.

"Touch von Sozialpornografie"
Nicht jeder allerdings kann Traaviks Gedankengänge nachvollziehen. Thomas Küchenmeister etwa, Sprecher des Aktionsbündnisses Landmine, bewertet die Misswahl skeptisch. Selbst wenn die Absicht eine gute sei, nämlich auf die Problematik aufmerksam machen zu wollen, sei die Art und Weise der Präsentation unangemessen. Dass Namen von Hotels sowie Herstellern von Schmuck und Textilien genannt würden, vermittele den Eindruck, dass die Frauen zu PR-Zwecken ausgebeutet würden. Den Preis für die Gewinnerin, eine Prothese, findet er absurd. "Wir setzen uns dafür ein, dass jeder eine Prothese bekommt, dafür sollte man sich nicht in dieser Weise präsentieren müssen", sagte er SPIEGEL ONLINE.

Die norwegische Feministinnenzeitschrift "Fett" kritisierte, dass "Miss Landmine" ausschließlich - und voyeuristisch - auf Frauen fokussiert sei, dabei seien auch Männer Opfer von Minen. In der norwegischen Zeitung "Bergens Tidene" wird beklagt, die Fotos hätten einen "sozialpornografischen Touch". Das "Morgenbladet" geißelt das Projekt als ausbeuterisch: Frauen in Not täten auch Dinge, die sie eigentlich nicht wollten.

Morten Traavik kann das alles nicht verstehen. Alle Frauen hätten freiwillig mitgemacht, nicht eine habe abgelehnt. Sie hätten nur freudig-ungläubig gefragt "Kann das wirklich wahr sein?", berichtet Traavik. Er wäre ja sehr glücklich, wenn genug Spender zusammenkämen, damit alle Frauen eine Prothese bekämen, sagt er. Mit dem Hauptgewinn wolle man das Problem doch nur besonders akzentuieren. Für ihn sei es nicht zu begreifen, dass er als weißer Mann nicht mit afrikanischen Frauen zusammenarbeiten könne, ohne dass ihm kolonialistische Ausbeutung unterstellt werde.

Panik auf dem Fußballplatz
Auch einer der Sponsoren, der norwegische Kulturrat, findet grundsätzlich nichts Anstößiges an Traaviks Projekt. Es handele sich um interessante Kunst, und die dürfe eben auch provozieren, sagte ein Sprecher SPIEGEL ONLINE. Der Kulturrat fördert das Projekt mit 500.000 Kronen - umgerechnet rund 70.000 Euro -, die angolanische Regierung steuert 15.000 Dollar bei.
Mit drastischen Bildern arbeitet auch ein TV-Spot der Vereinten Nationen. In dem Beitrag ist ein Fußballspiel zweier Kindermannschaften zu sehen, anscheinend irgendwo in den USA. Am Spielfeldrand stehen Eltern, die ihre Kinder anfeuern. Ein Mädchen schießt ein Tor, die Zuschauer jubeln, die Kamera hält auf die Schützin - dann plötzlich explodiert etwas unter dem Kind. Es bleibt leblos am Boden liegen, Panik bricht aus, ein verzweifelter Vater wiegt sein totes Kind in den Armen, Schreie sind zu hören.
Die Botschaft: Was Landminen anrichten, ist grausam - egal wo. "Es mag in Ihrem Vorgarten vielleicht keine Landminen geben, aber es gibt sie in den Vorgärten von Millionen Menschen auf der ganzen Welt", heißt es auf der dazugehörigen Website.

Diese Art, auf die Minenproblematik aufmerksam zu machen, ist aus Sicht von Thomas Küchenmeister vertretbar, "auch wenn die Bilder schlimm sind", sagt er. Die Darstellung der Szene sei realistisch, und gerade das rechtfertige die Machart des Uno-Spots. "Es ist schrecklich, wenn ein Mensch auf eine Mine tritt. Es ist furchtbar für die Betroffenen, wenn sie denn überhaupt überleben, und für die, die Zeugen werden und das verarbeiten müssen", sagt er. Die Misswahl hingegen: "Geschmacklos."

Von: www.spiegel.de, 4.12.2007, Von Friederike Freiburg und Anna Reimann

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