Eine schmerzhafte Vergangenheit (Angola)


Die Spieler Angolas und ihr Traum von einem Engagement im Land ihres WM-Gegners Portugal fussball. Das Spiel gegen Portugal ist für Angola ein besonderes. Nicht nur weil es die erste WM-Partie der Afrikaner überhaupt ist, sondern auch weil die beiden Nationen eine schmerzhafte Vergangenheit verbindet.


(12.06.2006)

Vor vier Jahren begann die WM kurios. In Seoul traf Senegal auf Frankreich, und man wusste nicht recht, wer eigentlich wer war. Franzosen wie Desailly und Vieira, die in Afrika geboren wurden, spielten gegen Senegalesen, von denen einige in Frankreich zur Welt gekommen waren. «Die Franzosen sind die Originale», sagte der senegalesische Kapitän Aliou Cissé, «und wir die Fotokopien.» Vergleiche im Sport zwischen Ländern und ihren früheren Kolonien hat es schon viele gegeben. Auch bei dieser WM kommt das vor. In knapp einer Woche misst sich Englands Team mit dem der früheren britischen Kronkolonie Trinidad und Tobago. Ein ganz besonderes Spiel ist morgen Sonntag die Partie Portugal gegen Angola. Das afrikanische Land trifft gleich in seinem ersten Spiel bei einer Fussball-Weltmeisterschaft überhaupt auf den früheren Kolonialherren, mit dem es eine schmerzhafte und blutige Vergangenheit verbindet.

«Ein hoch brisantes Derby»

«Angola é nossa!» (Angola gehört uns!), riefen die Portugiesen, als die ersten afrikanischen Staaten Ende der 50er-Jahre die Unabhängigkeit erlangten. Das Land an der Südwestküste des Kontinents ist reich an Kaffee, Öl, Sisal und Diamanten, so eine Kolonie gibt man nicht gerne auf. Die Einheimischen mussten auf Plantagen zwangsarbeiten, Aufstände und Befreiungskämpfe wurden brutal niedergeschlagen, es entwickelte sich ein Guerillakrieg. Als 1974 junge Offiziere mit der Nelkenrevolution die Diktatur in Portugal beendeten und den Weg zur Demokratie öffneten, war absehbar, dass der Traum von der kolonialen Weltmacht zu Ende ging. Ein Jahr später zogen die Portugiesen aus Angola ab und überliessen das Land seinem Schicksal. Ein Bürgerkrieg brach aus, bis 2002 starben und flüchteten Millionen. Immer noch ist das Land von Minen verseucht.

Angolas Trainer Luis de Oliveira Goncalves spricht von einem «hoch brisanten Derby»; Portugals Luis Figo sagt: «Ich kann mir vorstellen, dass viele unserer Anhänger sich nur schwer entscheiden können, welche der beiden Auswahlen sie anfeuern sollen»; und sein Teamkollege Deco, ein eingebürgerter Brasilianer, weiss, dass «die Eigenschaft als frühere Kolonie Angola noch gefährlicher macht».

Ein Fussballmärchen

Das letzte Kräftemessen im Fussball vor vier Jahren in Lissabon endete mit Ärger. Vier Angolaner wurden nach brutalen Aktionen vom Platz gestellt, das Spiel musste abgebrochen werden. Alte Wunden können sich öffnen bei diesen Vergleichen. Dabei ist das einst herrschende Land für die Fussballer der ehemaligen Kolonie oft das Ziel. Bei den Angolanern ist das nicht anders. Der portugiesische Trainer José Alberto Torres kehrte kürzlich aus Angola zurück, wo er bei Klubs wie Progresso engagiert war. «Die WM ist das grösste Schaufenster des Fussballs», sagt er, «sie erzeugt alleine schon enorme Motivation, aber gegen Portugal zu spielen ist noch ein Bonus, denn wie in Südamerika träumen auch in Afrika und speziell in Angola alle Fussballer davon, in den besten europäischen Ligen zu spielen. Und für die Angolaner liegt Portugal am nächsten.»

Acht im Kader der 23 verdienen dort schon Geld, drei davon in der ersten Liga. Angreifer Mantorras stürmt für Benfica Lissabon, Mateus für Gil Vicente und Edson bei Pacos de Ferreira. Seit er fünf ist, lebt Edson in Portugal. Vor wenigen Monaten musste der 26-Jährige tagsüber noch einem Beruf nachgehen und trainierte abends bei einem Zweitligisten. In den vergangenen Monaten schaffte er den Sprung zum Stammspieler in der ersten Liga, jetzt spielt er bei der WM. Ein Fussballmärchen. Die Freunde daheim ziehen ihn damit auf, dass er nun womöglich Figo in den Schatten stellen werde. «Auf dem Rasen sind wir alle gleich», sagt Edson. Deshalb ist Träumen erlaubt. Vor vier Jahren siegte Senegal 1:0.

Von: 13.06.06 http://www.tagblatt.ch ralf itzel/frankfurt

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