Erbe der Khmer (Kambodscha)


Der Alltag in dem immer noch von Millionen tückischer Minen übersäten Kambodscha zeugt von der noch nicht sehr lange zurückliegenden Pol-Pot-Zeit: Überall sind arm- oder beinamputierte Minenopfer oder Veteranen zu sehen, die um etwas Kleingeld betteln.


(05.12.2005)

Eine Reise nach Kambodscha ist immer eine Reise nach Angkor: Tempelanlage, Weltkulturerbe und Nationalheiligtum des Landes. Viele der über 200 Tempel der Khmer-Dynastie sind umschlungen von riesigen Wurzeln der Banyan-Bäume und geschmückt mit endlosen Friesen.

Phnom Penh - Der Tonle Sap ist am frühen Morgen etwas aufgewühlt, so als könne er sich nicht rasch genug in den weit gemächlicher dem Delta zustrebenden Mekong ergießen. Am Ufer des Stromes haben Dutzende Menschen die schwüle Nacht auf Bänken verbracht und beginnen den Tag, indem sie einen auf einem Sockel ruhenden Buddha reich mit Blumen und Esswaren beschenken. Die Mönche in orangefarbenem Gewand verharren stumm in der Meditation.

KAMBODSCHA: IM WÜRGEGRIFF DER BAUMWURZELN

Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh startet so in einen neuen Tag, der sie ein wenig weiter von den düsteren Zeiten der Herrschaft der Roten Khmer in den siebziger Jahren und von den Zeiten des Bürgerkriegs, der erst vor sieben Jahren endete, entfernt. Geschäfte ziehen die Läden hoch, Tausende von Kleinhändlern bauen ihre Karren auf. Die Fahrrad-Datschas sind bereits unterwegs, und auch die ersten verkrüppelten Zeugen der blutgetränkten Vergangenheit. Doch Kambodschas Metropole brodelt. Sie will nicht nur diesen Tag meistern, sondern sucht ihre Zukunft.

Und Zukunft für Kambodscha bedeutet auch Tourismus, der für die Wirtschaft des armen Landes ein Zugpferd bleibt. Den Besuchern der Hauptstadt hat der König inzwischen wieder seine Palastanlage mit dem Thronsaal geöffnet. Die prunkvolle "Pagode d'Argent" - eigentlich der Tempel des kleinen und feinen smaragdenen Buddhas - mit ihren 5000 je ein Kilogramm schweren Silberplatten versetzt so manche Besucher in stille Verzückung.

Nicht weniger ansprechend für das Auge ist das "schönste Museum Indochinas", das von dem Franzosen Georges Groslier 1920 elegant in rotem Stein konstruiert wurde. Farblich gehen die Wände des kambodschanischen Nationalmuseums im Innenhof einen faszinierenden Dialog mit den Grüntönen der üppigen Pflanzen ein - eine Oase der Ruhe. Von dem Hügel des Tempels Wat Phnom im Norden der Stadt kann man einen Blick auf die Umgebung werfen oder auf dem gutmütigen Elefanten "Samba" eine Runde drehen.

Genozid-Museum im Foltergefängnis S-21

Quirliger geht es Phnom Penh auf dem Russischen Markt zu, in den Bretterverschlägen werden jede Menge Souvenirs, Stoffe und alles, was der Hauptstädter im Alltag benötigt, angeboten. Die Metropole bietet sich als ideale Einstimmung auf eine Fahrt gen Nordwesten zu den weltberühmten Tempeln von Angkor an. Wer diese Reise zurück in die weit zurückliegende Zeit der Khmer-Dynastie antritt, kommt indessen nicht darum herum, zuerst noch eine erschütternde Visite in der näheren Vergangenheit zu machen.

Wer ein wenig ermessen möchte, welches Leiden hinter den Kambodschanern liegt, fährt über holprige 15 Kilometer zu den südöstlich der Hauptstadt gelegenen "Killing Fields" des Vernichtungslagers Choeung Ek und besucht das Genozid-Museum im berüchtigten Foltergefängnis S-21 (Tuol Sleng) in Phnom Penh selbst. Zurück bleiben unbeantwortete Fragen und tiefe Betroffenheit angesichts der Folterwerkzeuge, winzigen Zellen und Fotos der Gequälten aus der dunklen und doch noch nicht sehr lange zurückliegenden Pol-Pot-Zeit. Auch der Alltag in dem immer noch von Millionen tückischer Minen übersäten Kambodscha zeugt davon: Überall sind arm- oder beinamputierte Minenopfer oder Veteranen zu sehen, die um etwas Kleingeld betteln.

Auf der Fahrt nach Angkor rollt der Bus vorbei an Wasserbüffeln, Reisfeldern und Zuckerpalmen. Wenn der Tonle Sap genug Wasser führt, kann man auch Boote über den See nach Siem Reap nehmen. Der größte und fischreichste See der Region nimmt in steter Regelmäßigkeit - nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren - riesige Wassermengen des Mekong auf, lässt sie später wieder ab und ändert dabei sogar seine Fließrichtung.

Die Busfahrt auf den mittlerweile angenehm verbesserten Straßen um den See herum, also entweder über die zweitgrößte Stadt Battambang auf der Südseite oder aber über Kompong Thom, bietet jedenfalls viel Lokalkolorit. Es ist eine hautnahe Begegnung mit den Einheimischen und ihrer Lebenskunst im alltäglichen Bemühen um eine Schüssel Reis.

Der Zauber von Angkor Wat

Siem Reap ist das schmucke "Einfallstor in das Reich der Khmer" und damit die einzige vom internationalen Tourismus verwöhnte Stadt des Landes. Das nahe Angkor mit seinen mehr als 200 weit verstreuten Tempeln macht dieses Städtchen so beliebt. Seit die Roten Khmer das Feld geräumt haben, blüht Siem Reap, durch einen Flughafen mit der Welt verbunden, regelrecht auf. Bessere Straßen, Bistros, gute Hotels und der lebendige Alte Markt, auf dem es wirklich alles gibt - angenehmer könnte der Standort für die notwendigerweise mehrtägige Erkundungstour durch die riesige Tempelanlage von Angkor kaum sein.

Und dann die vielen, oft mystisch wirkenden Tempel selbst: Als die Christen sich Kathedralen bauten, stampfte die Khmer-Dynastie um 12. und 13. Jahrhundert für ihre Götter einen Tempel nach dem anderen aus dem Dschungel. Ob Angkor Wat, Bayon, Ta Phrom oder eine der anderen so weitläufigen Tempelanlagen, eine wuchtige Attraktion aus der glorreichen Khmer-Epoche löst die nächste ab. Dabei brennt die Sonne auf die Besucher hinab, nur manchmal bieten kleine Wäldchen oder große Bäume etwas Schatten. Die weiten Wegen von einem Tempel zum anderen kreuzen Affen, Wasserbüffel und auch Elefanten, deren Führer auf Kundschaft für einen kurzen Ritt warten.

Der Erhalt der bröckelnden Gemäuer ist eine wahre Sisyphus-Arbeit für Denkmalschützer und Restauratoren. Die riesige Wurzeln der Banyan-Bäume machen vor keiner Mauer und keinem Turm Halt. Noch hält sich der Touristenstrom in Grenzen, zumindest verglichen mit dem, was Angkor zu bieten hat. Doch nagt der Zahn der Zeit an den Tempeln - und legt nahe, einen Besuch des religiösen Weltwunders nicht zu weit hinauszuzögern.

Von: 03. Dezember 2005, http://www.spiegel.de von Hanns-Jochen Kaffsack, gms

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