Ernste Hilfe


Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) hat die Lage für die Bundeswehr in Afghanistan als "bedrohlich" bezeichnet. Wie sollen die deutschen Soldaten dort in Zukunft geschützt werden? Gegen Minen und Sprengfallen helfen Vorsicht und Routine - gegen Anschläge aus dem Hinterhalt und Granatenangriffe lässt sich in den meisten Fällen wenig ausrichten.


(30.08.2005)

Kein Kampfeinsatz soll es sein, eigentlich eher eine Art bewaffnete Entwicklungshilfe - doch das ändert nichts an den Gefahren für die Frauen und Männer der Bundeswehr am Hindukusch. Sehr deutlich machte dies die vergangene Woche: Am Mittwoch versuchten Unbekannte, am Straßenrand eine Bombe zu zünden, als eine deutsche Patrouille vorbeifuhr, am Donnerstag entschärften Bundeswehrsoldaten eine Sprengfalle. Und am Samstagabend schlug in einem Zelt der Bundeswehr in Faisabad eine Granate ein. Verletzt wurde auch diesmal niemand - pures Glück, denn das mit sieben Mann belegte Zelt war zu diesem Zeitpunkt leer. Die Angriffe auf die Soldaten zeigen, was Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) am Montag bei einem Besuch des Bundeswehrkontingents in Faisabad einmal mehr klar formulierte: Die Lage sei "bedrohlich". Und: "Wir rechnen mit weiteren Anschlägen."

Mit 2200 Soldaten beteiligt sich Deutschland derzeit an der internationalen Schutztruppe (Isaf). Die meisten sind in Kabul stationiert, 100 in Faisabad und 350 in Kundus. In diesen PRT (Provincial Reconstruction Teams) sollen die deutschen Soldaten im Norden des Landes helfen, die Sicherheitslage zu verbessern. Das aktuelle Mandat der Bundeswehr läuft bis zum 13. Oktober. Am 7. September will der Bundestag es verlängern. Struck will dabei die Zahl der Soldaten auf 3000 erhöhen, das Einsatzgebiet wird ausgedehnt. Im nächsten Jahr soll die Bundeswehr für den gesamten Norden zuständig sein, geprüft wird daher die Verlegung großer Teile auch aus Kabul zum Beispiel nach Masar-i-Scharif.

Ob nun in Kabul oder im Norden des Landes: "Es gibt Vorkommnisse, gegen die man sich nicht schützen kann", macht der deutsche Lagerkommandant in Faisabad, Oberst Peter Baierl, unmissverständlich klar. Gegen Minen und Sprengfallen helfen Vorsicht und Routine - gegen Anschläge aus dem Hinterhalt und Granatenangriffe lässt sich in den meisten Fällen wenig ausrichten. Daran würde auch ein eventueller Einsatz von bis zu sechs Tornado-Kampfflugzeugen vermutlich wenig ändern. Die Soldaten wissen um die Risiken ihres Einsatzes und so sind Strucks Hinweise eher taktischer Natur: gerichtet an die deutsche Öffentlichkeit, der nach Auffassung des Ministers nicht klar genug ist, dass die Auslandseinsätze in Zukunft möglicherweise deutlich mehr Todesopfer fordern als bisher. Im Entwurf für den Haushalt 2006 sind nach einem Bericht des "Spiegel" um 35 Prozent höhere Aufwendungen für die Überführung und Bestattung getöteter Bundeswehrsoldaten eingeplant als 2004 aufgebracht werden mussten.

Vor den für den 18. September geplanten Wahlen in Afghanistan fürchtet Struck, dass Gegner der Demokratisierung "massiv gegen ausländische Kontingente vorgehen". Mindestens genauso groß sind die Risiken, die den deutschen Soldaten durch die Drogenbekämpfung entstehen könnten - auch wenn sich die Bundeswehr daran nur mit logistischer Hilfe für die afghanischen Behörden beteiligt, wie Struck betont. Die Frage ist, ob Warlords oder Drogenbarone solche graduellen Unterschiede machen, wenn ihnen in ihr lukratives Geschäft gepfuscht wird. Und zwischen den beiden Bundeswehrstandorten Kundus und Faisabad liegt eines der weltweit größten Anbaugebiete für Schlafmohn, aus dem Opium produziert wird - der Rohstoff für Heroin. Seit Beginn des Einsatzes Ende 2001 sind 15 deutsche Soldaten in Afghanistan gestorben - bislang alle bei Unfällen.


Von: 30. August 2005, http://www.tagesspiegel.de

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