Experten warnen vor Blindgängern unter Tegel (Deutschland)


Dort wo täglich Tausende Passagiere starten und landen, liegen offenbar hochexplosive Sprengsätze im Erdreich: alte Munitionsreste und Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg. Ausgerechnet für den zivilen Teil von Tegel fehlen immer noch amtliche Bescheinigungen über die Freiheit von Kampfmitteln.


(03.08.2008)

Dort wo täglich Tausende Passagiere starten und landen, liegen offenbar hochexplosive Sprengsätze im Erdreich: alte Munitionsreste und Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg. Ausgerechnet für den zivilen Teil von Tegel fehlen immer noch amtliche Bescheinigungen über die Freiheit von Kampfmitteln.

Anflug in Berlin-Tegel: Unter der Landebahn lauern Munitionsreste

Unter dem Flughafen Tegel befinden sich höchstwahrscheinlich noch Munitionsreste, auch Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg werden vermutet. Die möglicherweise hochexplosiven Sprengsätze liegen offenbar im Erdreich des zivilen Teils des Flughafens, also dort, wo täglich Tausende Passagiere starten und landen.

Für das circa 300 Hektar große Areal im Eigentum des Bundes (von insgesamt 464 Hektar Flughafengelände) liegen dem Bund "keine amtlichen Kampfmittelbescheinigungen, die die Freiheit der Flächen von Munition nachweisen" vor. Lediglich der militärische Teil des Flughafens im Norden, wo die Flugbereitschaft und das Empfangsgebäude für Staatsgäste angesiedelt sind, ist 2005 entmunitioniert worden.

Diese Einschätzung geht aus der Antwort des parlamentarischen Staatssekretärs im Bundesfinanzministerium, Karl Diller, auf eine Anfrage des Berliner FDP-Bundestagsabgeordneten Markus Löning hervor. Löning hält die Antwort für "besorgniserregend". Denn gleichzeitig wird vom Bundesfinanzministerium mitgeteilt, dass sogenannte Testfelduntersuchungen, die nach Munitionsfunden im Jahr 2004 veranlasst worden waren, "das Vorhandensein von Kampfmitteln auf einzelnen bisher nicht beräumten Flächen" bestätigen.

Bund will Kosten nicht tragen

Löning hatte die Bundesregierung gefragt, was zur Gefahrenabwehr getan worden sei, nachdem 2004 bekannt geworden war, dass große Mengen von Alt-Munition unter dem Flughafen liegen. Der Bund teilte lediglich mit, dass das Land Berlin als zuständige Sicherheitsbehörde 2005 eine Anordnung erließ, wonach Erdarbeiten anzuzeigen sind, "um geeignete Maßnahmen zur Gefahrenabwehr" einzuleiten.

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung bestätigt dies. "Die Anordnung richtet sich an den Bund", sagte ihre Sprecherin Manuela Damianakis dieser Zeitung. Der Bund liegt nach wie vor mit der Berliner Flughafengesellschaft im Streit. Vor Gericht gestritten wird über die Kosten der Munitionsbergung. "Der Bund weigert sich, auf seinem Anteil die Kosten zu übernehmen", so Damianakis.

Den Berliner Bundestagsabgeordneten Löning beunruhigt die Frage, wie der Senat sicherstellen will, dass von der unterirdisch lagernden Munition keine Gefahr ausgeht. "In Anbetracht der steigenden Passagierzahlen und der damit verbundenen Zunahme von Starts und Landungen in Tegel, die auch zu mehr Erschütterungen führen, muss die Sicherheit der Fluggäste garantiert sein. Momentan kann man aber nicht sicher sein, ob ein Blindgänger hochgeht, wenn zum Beispiel eine Maschine über die Landebahn hinausrutscht." Auf die Frage, wie die Bundesregierung die Gefahr einschätze, dass mit der Zunahme des Flugverkehrs im Zuge des Flughafenausbaus die Wahrscheinlichkeit einer Explosion steige, erhielt Löning vom Bund keine Antwort. Von Seiten der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung heißt es dagegen, Gefahr bestehe nur bei Tiefbauarbeiten.

Erst suchen, dann bauen

"Wir räumen aber systematisch auf unserem Grundstück", so Sprecherin Manuela Damianakis. So habe von 1969 bis 1981 eine umfangreiche Kampfmittelsuche stattgefunden. Es sei aber richtig, dass es für das gesamte Flughafenareal keine Bescheinigung über eine Kampfmittelbefreiung gibt. Dies bestätigt auch die Flughafengesellschaft. Bisher werde nach dem Prinzip verfahren, dass erst gebaut werde, wenn der Kampfmittelräumungsdienst die Freigabe erteilt, sagte Flughafensprecher Eberhard Elie. Das gelte auch für den neuen, 90 Meter langen Terminalanbau, der im Sommer nächsten Jahres in Betrieb gehen soll. "Reine Spekulation", nennt der Flughafensprecher Befürchtungen, wonach Erschütterungen Munition explodieren lassen könnte.

2004 hatte Frederik Over, Abgeordneter der damaligen PDS, unter der Überschrift "Schönefeld auch ohne Munitionsfreiheitsbescheinigung bombensicher" gefragt, ob der Senat Gefährdungen durch Erschütterungen ausschließen könne. Von Staatssekretärin Maria Krautzberger hieß es: "Die von startenden und landenden Flugzeugen ausgehenden Bodenwellen sind wenig geeignet, die meisten Munitionskörper zur Detonation zu bringen."

Von: 03.08.2008, www.morgenpost.de von Katrin Schoelkopf

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