Gewalt in Afghanistan schränkt Räumung von Landminen ein


Kabul (AP) Sorgfältig suchen die Männer am Stadtrand von Kabul das harte Erdreich nach Landminen ab. Wenn sie einen Sprengsatz finden, bringen sie ihn kontrolliert zur Detonation. Dann wird die Fundstelle in unmittelbarer Nähe einer belebten Straße mit einem grünen Stein markiert.


(07.07.2009)

Dutzende solcher Steine im Umkreis weisen darauf hin, dass Afghanistan eines der am meisten verminten Länder der Welt ist. Jeden Monat werden etwa 50 Menschen bei der Explosion von Landminen getötet oder verstümmelt. Zwar sind in den vergangenen Jahren schon zwei Drittel der im Erdreich vermuteten Sprengsätze lokalisiert und entschärft worden. Ob jedoch das internationale Ziel, bis 2013 alle Minen zu räumen, erreicht werden kann, ist mehr als fraglich. Denn angesichts der anhaltenden Kämpfe wird die Arbeit der Minensuchdienste erheblich erschwert. Außerdem ist die Finanzhilfe deutlich zurückgegangen. Dies erhöht die Gefahr für Soldaten und Zivilpersonen gleichermaßen. Zwtl: Etwa 50.000 Menschen bei Explosionen verstümmelt Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) betreibt unweit der Universität von Kabul ein Zentrum für die überlebenden Opfer von Landminenexplosionen.

Täglich kommen etwa 250 Menschen, um Prothesen, Rollstühle oder Krankengymnastik zu erhalten.
«Ich habe meine Beine schon vor zehn Jahren verloren», erzählt der 78-jährige Nawab Chan, der gerade neue Prothesen erhalten hat. «Aber ich bin auch ja schon recht alt. Doch die jungen Menschen hier, die tun mir unendlich Leid. Chan verweist auf einen Jugendlichen, der seine ersten Laufübungen mit Beinprothesen absolviert. Er versucht, sich entlang der Fußspuren zu bewegen, die auf dem Fußboden des IKRK-Zentrums aufgezeichnet sind. Der Junge war gerade zwölf Jahre alt, als eine detonierende Landmine ihm beide Beine abriss. Landesweit haben etwa 50.000 Menschen Gliedmaßen verloren, weil sie auf einen im Boden versteckten Sprengsatz getreten sind.

Die Minen sind das tödliche Vermächtnis eines jahrzehntelangen Kampfes - gegen die einstigen sowjetischen Invasoren oder die gegnerische Seite im Bürgerkrieg sowie auch gegen die internationalen Truppen heute. «Nach dem Sturz der Taliban 2001 haben wir geglaubt, dass dieser Alptraum endlich vorbei wäre», sagt Nadschmuddin, der Leiter des IKRK-Zentrums für Landminenopfer, der ebenfalls keine Beine mehr hat. «Aber jetzt scheint es wieder von vorne loszugehen. Im Zuge der eskalierenden Gewalt in Afghanistan sind Minenräumkommandos zunehmend zum Angriffsziel von Aufständischen geworden. Der Grund: Das im Boden versteckte explosive Material ist genau das, was die Rebellen für ihren Kampf gegen die internationalen Truppen der Schutzstreitmacht ISAF brauchen. Sie suchen also selbst nach den Minen, um sie dann für gezielte Anschläge einzusetzen.

Zwtl: Finanzierung von Suchdiensten fraglich Im vergangenen Jahr wurden in Afghanistan fast 85.000 Landminen sowie 2,5 Millionen andere scharfe Sprengsätze geortet und geräumt. Doch manche Gegenden sind so gefährlich geworden, dass die Suchdienste ihre Arbeit dort einstellen mussten. «Das ist ein großes Problem», sagt Richard Evans, der für die britische Nichtregierungsorganisation HALO vor Ort im Einsatz ist. Sein Team entschärft allein im Umkreis des Luftwaffenstützpunktes Bagram täglich rund 75 Landminen. «Man kann sie nur mit den Händen sicher ausgraben», beschreibt Evans die schwere und gefährliche Arbeit. Diese wird weiter erschwert, weil den Suchdiensten die notwendigen Finanzen fehlen. Angesichts der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise sind die Mittel für Nichtregierungsorganisationen vielerorts ausgeblieben. Und insbesondere für Einsätze in Afghanistan finden sich immer weniger Spender, weil sie offenbar keinen Nutzen sehen können. Die Vereinten Nationen benötigen nach eigenen Berechnungen in den kommenden fünf Jahren rund 500 Millionen Dollar, um möglichst alle Landminen räumen zu können. Von den in diesem Jahr benötigten 108 Millionen Dollar sind bislang 70 Prozent eingegangen. Sollte die Entschärfung von Landminen jedoch eingeschränkt werden, dann wird es in Afghanistan noch mehr Tote und Verstümmelte geben.


Von: (PR-inside.com 01.07.2009 12:58:05)

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