Hilfsorganisation "Help" stellt Arbeit im Irak ein


Es ist einfach viel zu gefährlich geworden" - Viele große deutsche Hilfsorganisationen haben die Arbeit im Irak wegen der Sicherheitslage bereits eingestellt.


(26.02.2007)

Als letzte tut dies nun auch die Organisation "Help". tagesschau.de hat bei "Help"-Sprecher Berthold Engelmann nachgefragt, warum diese Entscheidung gerade jetzt gefällt wurde und was das für die Hilfsprojekte bedeutet.

tagesschau.de: Mit dem 28. Februar stellt Help alle Hilfsprojekte im Irak ein? Warum gerade jetzt? Hat sich die Lage so sehr zugespitzt?

Berthold Engelmann: Wir sind schon seit September 2004 nicht mehr mit internationalem Personal im Irak vertreten, sondern ausschließlich mit Helfern aus dem Irak. Die konnten lange Zeit noch gut arbeiten. Vor etwa vier Monaten hat sich die Lage dann aber so verschlechtert, dass die Helfer nur noch tageweise raus konnten in die Projekte oder die Arbeit zum Teil wochenlang einstellen mussten. Es ist einfach viel zu gefährlich geworden. Das Auswärtige Amt, von dem wir finanziert werden, hat deshalb die Zahlungen für die Projekte auch eingestellt.

Schon seit Monaten nur noch "Undercover"-Arbeit

tagesschau.de: Wie stellt sich die Lage für die Helfer denn konkret dar?

Engelmann: Die Gefahren sind Anschläge und Entführungen. Wir haben deshalb in den vergangenen Monaten nur noch "undercover" gearbeitet: Wir hatten alle Aufkleber von den Fahrzeugen entfernt und sind nur noch mit Kleinwagen zu den Projekten gefahren - und nicht mehr mit den Jeeps, die wir sonst in den schwer zugänglichen Gebieten genutzt haben. Wir haben auch nicht mehr von unserem Büro aus in Bagdad gearbeitet, sondern Privatwohnungen genutzt.

tagesschau.de: Sie haben schon erwähnt, dass seit 2004 aus Sicherheitsgründen nur noch Iraker für Help im Irak tätig waren. Was ändert sich für diese Helfer denn dadurch, dass sich Help zurückzieht? Sie bleiben doch im Land.

Engelmann: Für diese Helfer tut es uns besonders leid. Sie verlieren ihren Job. Wir müssen 50 Leute auf die Straße setzen, die gut ausgebildet sind. Wo sie unterkommen werden, wissen wir nicht.

tagesschau.de: Help hat unter anderem bei der Minenräumung und bei der Versorgung mit Wasser geholfen. Was passiert mit diesen Projekten jetzt?

Engelmann: Diese Projekte bleiben liegen. Ich sehe auch keine anderen Organisationen, die das übernehmen könnten. Denn für die stellt sich die Sicherheitslage ja ähnlich dar wie für uns. Gerade bei der Minenräumung gäbe es noch viel zu tun. Im Irak liegen noch hunderttausende Blindgänger. Die Wasserprojekte, die wir geplant hatten, konnten wir auch abschließen. Nur gibt es bei der Trinkwasserversorgung im Irak natürlich weiterhin Probleme.

"Es ist eine Spirale nach unten"

tagesschau.de: Nun ist schwer zu sagen, ob und wann sich die Lage im Irak bessert. Wenn dem so sein sollte: Wie lange würde es dauern, bis die Helfer die Arbeit an den Projekten wieder aufnehmen könnten?

Engelmann: Das kann man nur sehr schwer einschätzen. Wir beobachten seit dem Einmarsch der Amerikaner eine kontinuierliche Verschlechterung der Lage im Irak - und es ist überhaupt nicht abzusehen, wann sich das bessern wird. Es ist eine Spirale nach unten im Moment.

tagesschau.de: Wie müssen wir uns denn den Alltag der Menschen im Irak vorstellen - in einer Zeit, in der selbst die letzten Helfer sich aus dem Land zurückziehen müssen?

Engelmann: Die Gefahr für Leib und Leben ist so groß, dass viele Iraker ihre Wohnungen tagelang gar nicht mehr verlassen. Sie gehen nur noch zum Einkaufen aus dem Haus oder - wenn sie einen Job haben - um zu ihrem Arbeitsplatz zu kommen. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 70 bis 80 Prozent. Wer es sich leisten kann, verlässt das Land.

Von: 27.02.2007 www.tagesschau.de die Fragen stellte Holger Schwesinger

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