Ich habe keine Brunnen gebaut" (Deutschland/Afghanistan)


ALMENDORF Wenn Manuel Rustler von seinem Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan spricht, dann wirkt der 25-Jährige völlig ruhig. Dabei hat der Almendorfer am 23. Juni miterlebt, wie drei seiner Kameraden bei einem Einsatz ums Leben kamen.


(20.07.2009)

Eine Fallschirmjäger-Patrouille mit Transportwagen sichert den Nahbereich des Bundeswehr-Feldlagers in der Provinz Kundus. Diese Aufgabe hatte auch Manuel Rustler (kleines Foto) während seines Einsatzes in Afghanistan. Foto: dpa/Charlie Rolff
Nach dem Hauptschul-Abschluss an der Johannes-Hack-Schule in Petersberg und dem Grundwehrdienst hat sich Rustler als Zeitsoldat verpflichtet. In der Werratal-Kaserne in Bad Salzungen tut der Stabsgefreite in einem Panzergrenadierbataillion Dienst. Zu dem viermonatigen Einsatz in Kundus, der am 5. Juli endete, hat sich der 25-Jährige freiwillig gemeldet. "Ich wollte das Land sehen, man wird für diese Zeit gut entlohnt und viele meiner Kameraden aus Bad Salzungen sind auch gegangen", nennt Rustler seine Beweggründe. Natürlich sei ihm bewusst gewesen, dass er sich in eine lebensgefährliche Situation begibt: "Ich habe manchmal auch Angst gehabt", gesteht er. Doch dieses Gefühl habe er nicht an sich herangelassen, "sonst hätte ich meinen Job nicht mehr gut machen können", sagt der Stabsgefreite.
Sein "Job" in der 2. Schutzkompanie 301 Bad Salzungen war der eines Kraftfahrers. Mit einem Dingo, einem gepanzerten Transportfahrzeug, brachte er Soldaten vom Stützpunkt in umliegende Dörfer, "zur Gesprächsaufklärung mit den Dorfältesten", fügt der Soldat ohne weitere Erklärung hinzu. Patrouillefahrten gehörten auch zu seinen Aufgaben. Ob er sich in seinem Fahrzeug sicher fühlte? "Bei Beschuss war die Panzerung schon ausreichend", sagt er. Gegen am Straßenrand versteckte Sprengsätze oder Minen biete das Fahrzeug allerdings wenig Schutz.

Selbstmordattentäter häufig gut rasiert und gepflegt

Bei diesen Fahrten war Rustlers absolute Aufmerksamkeit gefragt: "Ich habe weniger auf die Straße, sondern viel mehr auf die Menschen, auf ihre Hände geachtet." Selbstmordattentäter etwa seien häufig besonders gut rasiert und gepflegt. "Das ist eine Art Ritual, bevor sie ihrem Glauben nach dann im Himmel von 40 Jungfrauen in Empfang genommen werden", erklärt er.
Dann der 23. Juni: Während einer Patrouille werden deutsche Soldaten von Taliban beschossen. "Mein Zug ist ausgewichen, dann versuchte der nächste Zug ebenfalls auszuweichen, aber ein Panzer kippte in einen Wassergraben und drei Kameraden sind ertrunken" ' so nüchtern schildert Rustler die Ereignisse diese Tages. Die Gefallenen habe er nicht persönlich gekannt, nur vom Sehen. "Selbstverständlich macht man sich dann seine Gedanken", sagt der Almendorfer. Das Gespräch mit Kameraden habe ihm sehr geholfen, diese Erlebnis zu verarbeiten. "Vor Ort gab es auch einen Priester und einen Psychologen", berichtet der 25-Jährige. Doch deren Hilfe habe er, anders als viele Kameraden, nicht in Anspruch genommen. Auf die Frage, ob er sich in den vergangenen Monaten in einem Krieg befunden habe, antwortet Rustler: "Ich habe dort unten keine Brunnen und Schulen gebaut, sondern mich jeden Tag selbst verteidigt."
Dennoch schließt der 25-Jährige nicht aus, noch einmal nach Afghanistan zu gehen. "Mir kommt es vor, als wäre ich nur zwei Wochen weg gewesen", sagt er. Kontakt zu seiner Familie in Almendorf und seiner Freundin hielt er während der vier Monate über Internet und Telefon: "Einmal in der Woche habe ich meine Mutter angerufen, einmal in der Woche meinen Kumpel und alle zwei Tage meine Freundin. Die sei sehr besorgt gewesen, "doch ich bin nun einmal Soldat".

Von: http://www.fuldaerzeitung.de/newsroom/regional/dezentral/fulda/art5879,903915#, 15.07.2009

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