Kosovo-Einsatz: Minen und kosovarische Autofahrer sind die grösste Gefahr (Kosovo)


Am Donnerstag beginnt im Kosovo der Einsatz für das 20. Swisscoy-Kontingent. Oberst Karl Küng, der die Verantwortung über 220 Soldaten trägt, äussert sich zum sechsmonatigen Einsatz.«Wenn wir uns so verhalten, wie wir dies trainiert haben, ist es nicht gefährlicher, als sich zum Beispiel in Murten oder in Bern zu bewegen»: Karl Küng.


(30.03.2009)

Zur Person

Neuer Swisscoy-Kommandant

Karl Küng ist gebürtiger Glarner und lebt seit acht Jahren in Murten. Der 48-Jährige wohnt mit seiner Lebenspartnerin zusammen und ist Vater zweier erwachsener Söhne. Oberst Küng leitete bis vor kurzem die Ausbildung im Bereich Führungsunterstützung des Führungsstabes der Armee. Küng ist neu Kommandant der Swisscoy.

Karl Küng, am Donnerstag reisen Sie mit 220 Soldaten in den Kosovo. Ist das Kontingent bereit?

Karl Küng: Absolut. Wir wurden gut ausgebildet, es ist ein guter Geist vorhanden, die Leute sind motiviert. Erstmals hat das ganze Kontingent im ersten Anlauf die Schlussprüfung bestanden.

Ist die Lage im Kosovo für die Swisscoy gefährlich?

Wenn wir uns so verhalten, wie wir dies trainiert haben, ist es nicht gefährlicher, als sich zum Beispiel in Murten oder in Bern zu bewegen. Der Kosovo ist nicht ein Kriegsgebiet, sondern ein Krisengebiet.

Mit welchen Gefahren werden Sie im Einsatz konfrontiert?

Die grösste Gefahr im Kosovo sind Verkehrsunfälle, so seltsam das vielleicht tönt. Viele Kosovaren fahren ziemlich schlimm Auto. Die zweitgrösste Gefahr geht von Minen aus. Diesbezüglich hatten wir eine gute Ausbildung und bewegen uns nur auf freigegebenen Strassen. Die dritte Gefahr geht von der organisierten Kriminalität aus. Unberechenbar ist zudem, wie schnell sich die Lage ändern könnte. Es kann zu politischen Demonstrationen oder Anschlägen kommen.

Warum ist die organisierte Kriminalität so bedeutend?

Die Arbeitslosigkeit beträgt etwa 60 Prozent. Bei den jungen Erwachsenen sogar noch mehr. Da passiert die Abwanderung in die Kriminalität relativ schnell.

Als Berufsmilitär sind Sie zu Auslandseinsätzen verpflichtet. War der Kosovo Ihre Lieblingsdestination?

Ich arbeite seit drei Jahren auf Stufe Armeeführung im Pentagon in Bern und hatte das Gefühl, schon etwas weit weg von den Leuten zu sein. Also kam bei mir der Wunsch auf, einen Auslandseinsatz in einer Führungsposition zu leisten. Da drängt sich nur die Swisscoy auf.

Was werden Sie als Oberbefehlshaber an einem normalen Tag im Kosovo tun?

Grundsätzlich bin ich für die mir anvertrauten 220 Soldaten im Kosovo und in Mazedonien zuständig. Die Erfahrung zeigt, dass sehr viele Probleme aus dem sozialen Umfeld der Soldaten am Schluss bei mir als National Contingent Commander (NCC) landen. Wenn einem Soldaten die Freundin in der Schweiz davonläuft, kümmere ich mich darum. Zudem gilt es, das Netzwerk im Kosovo aufrechtzuerhalten. Daneben arbeite ich eng mit dem Schweizer Botschafter und mit anderen Kommandanten und NCC zusammen und tausche Informationen aus. Dazu kommen weitere Führungsaufgaben als Kontingentskommandant.

Ist die Arbeit der Swisscoy nicht bloss Hilfsarbeit, um die Kontingente anderer Länder zu unterstützen?

Zu einem Teil stimmt das. Wir leisten wertvolle Unterstützung, damit die K-FOR-Truppen ihren Job erledigen können. Wir Schweizer sind absolute Cracks in Sachen Wasseraufbereitung. Zusätzlich stellen wir eine ganze Infanteriekompanie zu Gunsten eines österreichischen Bataillons. Das sind unsere zwei Säulen. Relativ stark ist die Schweiz auch in der Stabsoffiziersausbildung. Einige Stabsoffiziere sind im Brigadestab der Deutschen oder im Bataillonsstab der Österreicher im Einsatz.

Drei Monate lang wurde das Kontingent in Stans auf den Einsatz vorbereitet. Wie streng ist das körperliche Training?

In der Infanteriekompanie sind alle fit und müssen das auch sein. Zum Teil sind Fachspezialisten wie Ärzte, Krankenschwestern oder Wasseraufbereiter am Werk, bei denen es weniger um die körperliche Fitness geht.

Wie viel Wissen über diese Region eignen Sie sich an?

Bereits in der Ausbildung nimmt dies einen grossen Stellenwert ein. In Referaten hören die Soldaten, wie es im Einsatzgebiet aussieht. Geografische, historische und ethnische Kenntnisse sind wichtig. Mit dem Schlüsselkader war ich zudem schon im Kosovo. Jeder konnte sich mit dem Vorgänger in seiner Funktion austauschen.

Lernen Sie die lokalen Sprachen?

Nein, denn das ist im Kosovo heikel. Je nachdem, ob eine Antwort in Albanisch oder Serbisch erteilt wird, hat man schon Partei ergriffen. Wir kommunizieren auf Englisch oder Deutsch, das viele beherrschen. Manchmal ist man überrascht, wenn einem Kosovaren im breitesten Schweizerdeutsch antworten.

Sie leiten das 20.Kontingent zum zehnjährigen Jubiläum der Swisscoy. Hatten Sie einen solchen Einsatz schon seit Beginn Ihrer Militärkarriere im Auge?

Als ich Berufsoffizier wurde, gab es noch keine Einsätze der Schweizer Armee im Kosovo. Jetzt ist der Einsatz eine gute Ergänzung zu den Führungspositionen, die ich in der Schweiz bereits hatte. Er ist sozusagen die vorläufige Krönung.

Aber Entbehrungen wird es in diesem halben Jahr geben?

Klar, schon jetzt während der Vorbereitung in Stans muss ich auf Freiheiten verzichten. Ich wohne und arbeite monatelang in einem Container. Bis jetzt schätzte ich es am Wochenende sehr, in einem sonnigen Wohnzimmer in einem angenehmen Polstersessel zu sitzen.

Ein halbes Jahr weg von Murten...

Ich bin extrem verliebt in diese Gegend. Als Glarner bin ich Berge und Schnee gewohnt, aber seit ich hier wohne, geniesse ich tagtäglich die Offenheit. Das meine ich sowohl landschaftlich als auch von den Einwohnern her. Murten wird auch nach dem Swisscoy-Einsatz mein Heimathafen bleiben. (Berner Zeitung)

Von: 31.03.2009, Von Marc Kipfer., www.tagesanzeiger.ch

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