Landminenverbot: Trotz Erfolge werden uns die Folgen des Landmineneinsatz noch Jahrzehnte beschäftigen


Deutschland habe eine politische Verantwortung, sich auch weiterhin an der Entminung zu beteiligen, sagt Anne Jung von medico international. "Deutsche Firmen haben über Jahrzehnte gute Geschäfte mit der Herstellung dieser tödlichen Waffen gemacht."


Tierra De Paz bei der Aufklärung über die Gefahr von Minen. (c) medico international

(02.04.2012)

Gefährliches Terrain - die Arbeit der Minenräumer

In mehr als 80 Staaten liegen Landminen, unter ihren Opfern sind oft Kinder. Deutschland finanziert weltweit Programme zur Minenräumung. Es ist eine mühselige und gefährliche Arbeit.

Bislang ist alles gut gegangen. Das ist keineswegs selbstverständlich, denn Peter Willers betreibt ein gefährliches Geschäft: Seit vier Jahren ist der ehemalige Bundeswehr-Oberst in Kambodscha, um dabei zu helfen, das Land von den Millionen Minen, Bomben und Granaten zu befreien, die von 30 Jahren Krieg und Bürgerkrieg im Boden hinterlassen wurden. "Jeder, der arbeitet, macht Fehler", sagt Willers. "Aber wenn einer von uns einen Fehler macht, kostet es ihn das Leben oder zumindest einen Fuß."

Cola-Dose oder Mine?

Das ist für den 72-Jährigen nicht nur Theorie: Seit rund zehn Jahren ist er im Auftrag des Auswärtigen Amtes weltweit im Einsatz, darunter im Kosovo, im Tschad und in Ruanda. Im Kosovo verloren zwei Mitarbeiter einen Fuß, im Tschad starben sein Stellvertreter und fünf weitere Kollegen, als sie eine Sprengladung unschädlich machen wollten. Auch die mehr als 330 Mitarbeiter der von Willers geleiteten Entminungseinheit 6 haben täglich viele Gelegenheiten, Fehler zu machen: Im vergangenen Jahr holten sie in Kambodschas Provinz Siem Reap rund 4000 Minen und mehr als 20.000 Blindgänger aus dem Boden.

Es ist eine mühselige Arbeit. Zunächst müssen die je 31 Mitglieder der acht Räumzüge die oft wuchernde Vegetation herunterschneiden, damit die Metalldetektoren überhaupt funktionieren. Sobald eines der Suchgeräte piept, sticht ein Minenräumer mit einer Suchnadel, die einer langen Stricknadel ähnelt, schräg in den Boden. Stößt er auf Widerstand, könnte dort eine Mine liegen - oder auch nur ein Stein. Auf jede Mine, die gefunden wird, kommen rund 600 solcher Fehlalarme, denn die früheren Gefechtsfelder sind mit Granatsplittern übersät. Neben den acht großen Räumzügen, die nach einem festgelegten Plan Fläche für Fläche entminen, gehören zehn kleinere Teams zu der Einheit, die auf Zuruf Minen entfernen oder Bomben entschärfen.

Entminung als Armutsbekämpfung

Zwar wurden im vergangenen Jahr 286 Menschen in Kambodscha Opfer von Minen, doch noch 1994 war die Zahl mehr als zehnmal so groß. Bis 2020 soll Kambodscha weitgehend entmint sein. "Ein wesentlicher Teil unserer Arbeit ist Armutsbekämpfung", sagt Peter Willers und verweist darauf, dass seine Einheit im vergangenen Jahr 450 Hektar Land geräumt hat. "Wenn ein Reisbauer zwei Hektar Land hat, ist er aus der Armut entlassen." Vor zwei Jahren wurde Willers von Kambodschas Regierung mit dem königlichen Sahametrai-Orden ausgezeichnet.
Finanziert wird seine Arbeit vom deutschen Außenministerium. Nach offiziellen Angaben hat das Auswärtige Amt seit 1992 rund 217 Millionen Euro für die weltweite Kampfmittelräumung ausgegeben, im vergangenen Jahr waren es 18,1 Millionen für 41 Projekte in 24 Ländern.

Dem Ball nicht nachlaufen

Darunter sind auch mehr als 1000 Minenräumer, die in Kooperation mit Medico International in Afghanistan den Boden absuchen. Ein Ende der Arbeit ist noch längst nicht absehbar. "Es werden dort weiter Minen verlegt", sagt Anne Jung von der Hilfsorganisation. "Wer die verlegt, können wir nicht immer mit Bestimmtheit sagen." Neben der Räumung widmet sich Medico International auch der Aufklärung: Ein aus Spenden finanziertes Projekt vermittelt Familien, wie man der Gefahr aus dem Weg geht. Einen großen Raum nehmen dabei Spiele ein. "Die Mitarbeiterinnen müssen den Kindern gewissermaßen Reflexe abtrainieren", sagt Jung. "Denn sie müssen lernen, nicht dem Ball hinterher zu rennen, wenn er in einen Busch rollt." Weltweit war etwa jedes dritte Minenopfer ein Kind. Um die Bedeutung von Informationskampagnen zu unterstreichen, erklärten die Vereinten Nationen im Jahr 2005 den 4. April zum "Internationalen Tag zur Aufklärung über die Minengefahr und zur Unterstützung bei Antiminenprogrammen".

Deutschland habe eine politische Verantwortung, sich auch weiterhin an der Entminung zu beteiligen, meint Anne Jung. "Deutsche Firmen haben über Jahrzehnte gute Geschäfte mit der Herstellung dieser tödlichen Waffen gemacht." 1998 ratifizierte die Bundesrepublik allerdings die Ottawa-Konvention, die Einsatz, Lagerung und Produktion von Antipersonenminen verbietet. Bisher haben rund 160 Staaten die Konvention ratifiziert - allerdings sind China, Russland und die USA nicht darunter.

Erfolgsbilanz

Anne Jung von Medico International spricht dennoch von einer Erfolgsbilanz, denn inzwischen werden mehr Minen geräumt als verlegt. Doch selbst wenn die positive Entwicklung anhalte, ließen sich die Folgen nicht aus der Welt schaffen. "Ein Minenopfer bleibt ein Leben lang ein Minenopfer", sagt Jung. "Wir werden noch Jahrzehnte damit beschäftigt sein, die Opfer zu versorgen."

Das hat der Nürnberger Orthopädietechniker Christian Schlierf täglich vor Augen. Seit 2001 arbeitet er in Bosnien und Herzegowina. Der Staat gehört nach wie vor zu den am stärksten verminten Ländern der Welt, noch immer kommt es zu Unfällen. "Bauern oder Kinder gehen in den Wald, um Holz zu holen und lösen eine Mine aus", sagt Schlierf. "Das sind die typischen Opfer." Minen sind meist so konstruiert, dass sie ihrem Opfer ein Bein abreißen, es aber nicht töten - damit der verletzte Soldat zur Belastung der gegnerischen Armee wird. Die Sprengladung ist auf einen Erwachsenen ausgelegt und nicht auf die kleinen Körper von Kindern; wenn sie überleben, sind sie meist schwerer verletzt.

Notdürftige Versorgung

Doch auch bei Erwachsenen können die Sprengfallen jede nur denkbare Verletzung auslösen, wie der Orthopädietechniker im Lauf der Jahre erfahren musste. Einigen Opfern fehlten Hände oder Arme, zum Teil auf beiden Seiten. "Wenn jemand auf eine Mine getreten ist, ist jede Amputationshöhe bis hinauf zum Bauchnabel möglich", sagt Schlierf. Durch die Splitterwirkung seien oft auch das andere Bein oder Organe betroffen. Dazu kommen die seelischen Verwundungen: Eine seiner Patientinnen überlebte zwar knapp, verlor aber ihre ganze Familie.

Oft kommen Erwachsene mit dem Verlust eines Fußes oder Unterschenkels davon. "In diesem Fall gibt es eine Aussicht auf gute Rehabilitation, wenn es fachgerecht umgesetzt wird", sagt Schlierf. "Unterschenkel-Versorgte können zum Teil so gut laufen, dass man es ihnen gar nicht ansehen muss." Doch gerade in Ländern, wo Minen liegen, ist eine fachgerechte Versorgung häufig die Ausnahme. Bei einer notdürftigen Lebensrettung kann es hinterher sein, dass ein gesplitterter Knochen in die uneben zusammengenähte Haut am Stumpfende sticht - das Tragen einer Prothese wird dann zur Qual. Auch während des Bosnien-Krieges habe es solche Behandlungen gegeben, sagt Schlierf.

Daueraufgabe Minenräumung

Um zumindest die Versorgung mit Prothesen zu verbessern, rief er 2006 den Verein "Human Study" ins Leben, der Orthopädie-Techniker in ganz Ex-Jugoslawien ausbildet. Finanziert wird das Projekt zum großen Teil vom US-amerikanischen Außenministerium; die Bundesregierung lehnte eine Unterstützung ab. In der Balkanregion konzentriert sich das Auswärtige Amt auf die Minen- und Kampfmittelräumung; in diesem Jahr sind dafür zwei Millionen Euro vorgesehen. Es bleibt noch viel zu tun. Zwar ging die Zahl der Minenopfer von 513 im Jahr 1996 auf sechs im Jahr 2010 zurück. Doch der ursprüngliche Plan, das Land bis 2019 von der tödlichen Altlast zu befreien, wird nicht einzuhalten sein.
Im Fall von Kambodscha zeigt sich Minen-Experte Peter Willers dagegen optimistisch. Zwar werde 2020 nicht die letzte Mine geräumt sein - schließlich finde man auch in Deutschland noch immer regelmäßig Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg. "Aber ich glaube, im Jahr 2020 ist das Ziel erreicht, dass die Minen und Blindgänger die Entwicklung des Landes nicht mehr behindern."

Quelle: Deutsche Welle >>>

Weitere Informationen:

Minenräumprojekte von Handicap International >>>

Minenaktionsprojekte von medico international >>>

Minenopferhilfe von Misereor >>>

Minenaktionsprogramme von SODI - Solidaritätsdienst-international >>>

 

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