Leben bedeutet Überwindung " (MOSAMBIK)


Sportverbände sind im afrikanischen Mosambik einziges Auffangnetz für Minenopfer, Kranke und Behinderte


(06.06.2006)



Mehr als zehn Prozent der Bevölkerung sind behindert.
Hohe Aids-Rate ist ein Tabu-Thema.

Maputo/Beira. In vielen Entwicklungsländern funktioniert zumindest eines: das Militär. Im südostafrikanischen Mosambik jedoch verfallen selbst die Kasernen ' symptomatisch für vieles im Land. So erhalten auch die zigtausenden Ex-Soldaten, die in der Ära des Bürgerkrieges (1975 bis 1992) oder danach ihre Beine durch Minen verloren, nur Alibi-Renten, die kaum fürs Essen reichen. Vom sozialen Leben und somit vom Arbeitsmarkt sind sie, wie fast alle Kranken oder Behinderten, ausgeschlossen ' was mehr als zehn Prozent der Bevölkerung zu Almosenempfängern macht.

Einer der wenigen, die das ändern wollen und können, ist Domingos "Tio" Langa, ehemaliger Leichtathlet, der noch heute den mosambikanischen Landesrekord im 800-Meter-Lauf auf der Aschenbahn hält. Der heute 58-Jährige trainierte in den 1980er Jahren in der damaligen DDR und kennt europäische Standards. 2001 gründete er in der Küstenstadt Beira, der zweitgrößten Stadt im Land (rund 600.000 Einwohner), das Projekt "Sport als Rehabilitation". Mittlerweile trainieren hier mehr als 200 Sportler aller Behinderungsarten, Altersgruppen und beiderlei Geschlechts in den Disziplinen Leichtathletik, Muskeltraining, Bogenschießen, Hallenfußball, Volleyball, Basketball, Handball, Badminton und Tischtennis.

Athleten ohne Beine
"Es ist mehr als ein Sportklub, wir sind eine große Familie, ohne die viele verzweifeln würden", sagt Tio. Die lokale Behörde stellt eine große Sporthalle samt kleinem Büro und staubigem Vorhof zur Verfügung. Wettkämpfe, Trikots oder Sportgeräte müssen mit Spenden oder Eigenleistung finanziert werden. Und so ergibt es sich, dass ausgerechnet beim Fototermin mit österreichischen Journalisten bei allen Rennrollstühlen die Antriebsketten fehlen. Aber im Improvisieren sind Tios Athleten Weltmeister: So zeigt ein 36-jähriger Ex-Soldat, der knapp vor Ende des Bürgerkrieges 1992 durch eine Mine das rechte Bein verloren hat, wie er auf seinen Krücken hüpfend ohne Fußkontakt den Hof überqueren kann.

In der Halle läuft währenddessen das Volleyball-Training, bei dem neben Frauen auch der zwölfjährige Castigo mitspielt. Nach einem Schlangenbiss musste ihm mit fünf Jahren ein Bein amputiert werden; nun trainiert er hier als jüngster zweimal wöchentlich. "Meine Armmuskeln sind noch nicht stark genug", klagt der Schüler. Dennoch versucht er, wie die anderen mit einer Hand den Rollstuhl zu steuern und mit der anderen den Ball zu dribbeln. Siegreiche Wettbewerbe mit dem Team machen ihm Mut, einmal seinen Traumberuf Arzt erlernen zu können.
Doch rundherum sind die Perspektiven trist: "Wir bekommen nirgends Arbeit, vom Staat gibt es nur ein Almosen als Pension. Wie wir unsere Kinder großziehen sollen, weiß keiner", klagen die vielen Ex-Soldaten, die durch Minen Gliedmaßen verloren haben. Wer kein Soldat war, bekommt nicht einmal das Almosen.

Angst vor Blutabnahme
Die Stigmatisierung betrifft in der ehemaligen portugiesischen Kolonie auch Blinde, Behinderte ' und HIV-Infizierte. "Viele gehen nicht zum Arzt, weil sie befürchten, dass man ihnen dort routinemäßig Blut abnimmt und Aids feststellt", erklärt Shareef Malundah vom lokalen "Licht für die Welt"-Büro, der jahrelang in der Aids-Hilfe tätig war. Die österreichische Hilfsorganisation unterstützt das Sportprojekt in Beira (heuer mit 10.000 Euro), aber auch den Aufbau augenärztlicher Ambulanzen ' daher kennt Shareef die Praxis der ohnehin katastrophalen Versorgung im Lande: Auf eine Million Einwohner kommt etwa ein Facharzt.

Von den rund 19 Millionen Einwohnern Mosambiks leben gut 60 Prozent von der Landwirtschaft ' meist im kleinsten Rahmen. Lokale Produkte schaffen es aufgrund fehlender Strukturen oder Dürre im besten Fall bis zum Dorfmarkt. In Städten wie Beira müssen 60 Prozent der Nahrung importiert werden ' was die Preise erhöht und Mangelernährung fördert.

Hilfsorganisationen gehen daher zunehmend dazu über, sich in ländlichen Bereichen mit den traditionellen und hoch geachteten Medizinmännern zu arrangieren. "Wenn wir die dazu bringen, den Dorfbewohnern zu sagen, dass sie statt Mais auch Karotten anbauen sollen, um den Vitamin A-Mangel zu beheben, dann tun die Leute das", sagt Shareef. Vitamin A-Mangel fördert Grauen Star, der wiederum ist verantwortlich für die Erblindung hunderttausender Mosambikaner oft schon im Kindesalter. Umgekehrt will man die Medizinmänner dafür gewinnen, bereits Erblindete zur Operation in die neue Augenklinik in Beira zu schicken ' dies würde den Patienten mehr helfen, als das traditionelle "Ausstechen", dem Ruf des Medizinmannes aber keineswegs schaden.
Doch gegen HIV wissen auch die erfahrensten Medizinmänner kein Mittel. Die Angst vor der Blutabnahme macht alles noch schlimmer: "Viele meiner Freunde und Kollegen sind in den letzten Jahren mit Anfang 20 gestorben ' jeder an etwas anderem, nur nicht an Aids", beschreibt Shareef die Folgen der Ignoranz.

Prostitution blüht
Der hohe Anteil an Prostituierten vor allem entlang der Fernfahrer-Routen, aber auch in den Städten, führt zu HIV-Quoten von mehr als 30 Prozent in manchen Gebieten. Und das auch unter der "normalen" Bevölkerung: Kondome sind zwar vorhanden, aber nicht beliebt, Sex ein weitgehendes Tabu-Thema. "Leben bedeutet Überwindung", beschreibt es Trainer "Tio" kryptisch. Er weiß, wovon er spricht: 1980 konnte der Athlet sich als erster Mosambikaner für die Olympischen Spiele (in Moskau) qualifizieren. Aus politischen und bürokratischen Gründen untersagte man ihm aber im letzten Augenblick die Teilnahme. Dennoch ist er seinem Land bis heute treu.

Von: 06.06.06, http://www.wienerzeitung.at/DesktopDefault.aspx?TabID=3940&Alias=wzo&cob=234623, von Werner Grotte

<<< zurück zu: News