<> (Nord Afrika)


Nigers rebellierende Tuareg in der Defensive ' alte und neue Hindernisse auf dem Weg zu einem Frieden


(16.07.2009)

Die nigrischen Tuareg-Rebellen wirken geschwächt ' wegen ihrer Uneinigkeit und Erfolgen der Armee. Obwohl sich eine Friedenslösung abzeichnet, sind die von beiden Seiten verlegten Landminen eine schwere Hypothek für die Zukunft der nigrischen Sahara.

K. P. Tezirzayt, im Mai
Der Bombenkrater hat die Grösse eines kleinen Swimmingpools. Er ist kreisrund, mit einem Durchmesser von mindestens zwölf und einer Tiefe von etwa drei Metern. Die Rebellen des Mouvement des Nigériens pour la Justice (MNJ) stehen am Rand und blicken auf das Loch im Sand. Trotz der gewaltigen Explosion ist die nur wenige Schritte entfernte Schule von Tezirzayt weitgehend unversehrt, wenn man von ein paar Einschusslöchern und einer fehlenden Dachhälfte absieht. Bereits zweimal hat die Armee das ebenerdige Haus als Kaserne missbraucht. Tezirzayt ist eine Oase am Fuss des mächtigen Air-Gebirges. Unten im Wadi befinden sich zwei gemauerte Brunnen. Vor dem Krieg sollen hier 200 Tuareg-Familien gelebt haben, wohl in Nomadenzelten, denn von permanenten Behausungen ist weit und breit nichts zu sehen.
Ein Eldorado für bewaffnete Gruppen
Der seit rund zwei Jahren andauernde Bürgerkrieg in Nigers nördlichen Wüstengebieten macht kaum Schlagzeilen. Hilfswerke schätzen die Zahl der Vertriebenen in der Region des Air-Gebirges auf maximal 10 000 Menschen. Die Zahl der Todesopfer dürfte in die Hunderte gehen, wobei ein grosser Teil auf das Konto heimtückischer Panzerminen geht. Der Konflikt ist von der Grössenordnung also nicht zu vergleichen mit den Auseinandersetzungen in Darfur, Somalia oder Kongo-Kinshasa. Dennoch steht einiges auf dem Spiel. Zum einen wird die Sahara von der mauretanischen Atlantik-Küste im Westen bis hin zum Roten Meer im Osten immer mehr zum Tummelplatz von Banditen, Drogenschmugglern und Terroristen, die Jagd auf weisse Ausländer machen. Während die arabisch geprägten Anrainerländer des Mittelmeers die Lage einigermassen unter Kontrolle haben, ist der Staat in den weiter südlich gelegenen Gebieten der Sahara kaum präsent. Dieses Vakuum wird von bewaffneten Gruppen aller Art ausgenützt.

Zum andern liegen in der Umgebung des nigrischen Air-Gebirges grosse Uranlagerstätten. Diese werden seit rund 40 Jahren vom französischen Staatskonzern Areva ausgebeutet, der auch die Schweizer Kernkraftwerke mit Uranbrennstäben versorgt. Mit der für 2012 vorgesehenen Inbetriebnahme der Mine von Imouraren durch Areva soll Niger zum zweitgrössten Uranproduzenten der Welt nach Kanada aufsteigen.
Seit längerem wirft das MNJ Areva vor, die lokale Tuareg-Bevölkerung bei der Anstellung von Bergwerksarbeitern zu benachteiligen. Gestützt auf Gutachten von Umweltorganisationen, beschuldigen die Rebellen Areva zudem, unter anderem Brunnenwasser radioaktiv verseucht zu haben. Areva weist solche Anschuldigungen entrüstet zurück und betont, dass sich der Konzern in Niger strikt an internationale Normen halte.
Wie dem auch sei, stellt die Vergabe von mehr als 100 nigrischen Uran-Konzessionen, unter anderem an Firmen aus China, Kanada, Südafrika und Indien, einen tiefen Eingriff in die Lebensweise und das traditionelle Bodenrecht der Tuareg dar. Das Konzessionsgebiet beginnt südlich des Air-Gebirges und setzt sich westlich der Berge bis hinauf zur algerischen Grenze fort. Damit wird das Siedlungsgebiet der Tuareg durchschnitten. Westliche Beobachter in Nigers Hauptstadt Niamey glauben jedoch, dass die Rebellen die Kritik an der Uranausbeutung nur dazu benutzen, um ihre wahren Absichten zu verbergen. In Wirklichkeit gehe es dem MNJ darum, den Staat vom Norden fernzuhalten, damit sich die Rebellen dort weiterhin ungestört im lukrativen Schmuggel mit Algerien und Libyen betätigen könnten. Damit in Einklang scheint auch die Forderung des MNJ nach mehr Autonomie im Norden zu stehen. Ein westlicher Diplomat wirft den Rebellen gar vor, dem zunehmenden Schmuggel von südamerikanischem Kokain durch die Sahara Vorschub zu leisten. Dies ist auch die Meinung der nigrischen Regierung, die dafür jedoch nie Beweise vorgelegt hat.
Lukrativer Drogenschmuggel
Die Meinungen über den Krieg im Norden könnten also unterschiedlicher nicht sein. Unten im Tal von Tezirzayt sitzt Amoumoune Kalakouwa im Schatten einer dornigen Akazie und zieht über die Regierung her. Kalakouwa ist der Generalstabschef des MNJ. Er wirft den Streitkräften nicht nur schwerste Menschenrechtsverletzungen vor, sondern auch Mitmischen im Drogengeschäft. «Spione sagen der Armee, wenn wir in einem Gebiet gerade nicht präsent sind. Dann eskortieren Soldaten die Drogenhändler durch die Wüste. Das Ziel dieser Fahrzeugkonvois ist Ägypten.» Ganz aus der Luft gegriffen sind diese Vorwürfe wohl nicht. Bewohner von Agades, der wichtigsten Stadt im Norden, berichten zum Beispiel von Armeeoffizieren, die sich auf einmal teure Autos anschafften, obwohl ihr Sold dazu wohl kaum ausreiche. Wie im benachbarten Mali, wo in abgelegenen Ortschaften in der Sahara Villen hochgezogen werden, könnte der plötzliche Reichtum auf das Mitwirken im Kokainschmuggel zurückgehen. Dies schliesst jedoch eine Komplizenschaft des MNJ nicht aus. Einiges deutet jedenfalls darauf hin, dass es in der Verwandtschaft des Rebellenchefs Aghali Alambo Leute mit guten Verbindungen zu den Netzwerken der Drogenschmuggler gibt
Wie Alambo war auch Kalakouwa bereits an der Rebellion der Tuareg in den 1990er Jahren beteiligt. Die damalige Revolte wurde durch das Friedensabkommen von 1995 beendet. Mit einem gewissen Recht beklagen sich jedoch manche Tuareg, dass dieser Vertrag nie richtig umgesetzt worden sei. Einige Rebellenchefs erhielten zwar Posten in Regierung, Verwaltung und Sicherheitskräften. Doch die auf diese Weise belohnten Ex-Rebellen hätten vor allem den Angehörigen ihrer eigenen Clans Aufstiegschancen vermittelt, meint ein westlicher Diplomat in Niamey.
Kalakouwa wurde nach dem Friedensabkommen von 1995 in die Armee integriert. Er und seinesgleichen seien jedoch schlecht behandelt worden, erklärt der Rebellenkommandant. 2001 sei es deshalb zu einer Meuterei von 66 Tuareg gekommen. Zu diesem Zeitpunkt habe die neue Rebellion bereits Wurzeln geschlagen, und man habe angefangen, Hinterhalte zu legen. Er sei aber schon bald verhaftet worden und für drei Jahre im Gefängnis verschwunden ' ohne Gerichtsurteil, erzählt Kalakouwa weiter. Nachdem ihm die Flucht gelungen war, stiess er zum MNJ.
Der Vorwurf, die Tuareg würden in Niger benachteiligt, ist alles andere als neu. Mit einem Bevölkerungsanteil in der Nähe von neun Prozent ist das Wüstenvolk den sesshaften Ethnien der Haussa und Songhay im Süden zahlenmässig deutlich unterlegen. Die Spannungen zwischen Nomaden und Sesshaften haben sich zudem nicht nur in Niger seit den Dürreperioden der 1970er und 1980er Jahre zugespitzt. Dennoch gibt es in Niamey kaum Anzeichen dafür, dass die Tuareg wirklich systematisch benachteiligt werden. Westliche Beobachter sprechen im Gegenteil von einer «positiven Diskriminierung» als Folge der Konzessionen, die der Staat den Ex-Rebellen bei Friedensverhandlungen einräumen musste. Ein ausländischer Diplomat sagt sogar, dass die Rebellion für manche Tuareg ein Weg sei, um Karriere zu machen.
Heimtückische Sprengkörper
Die wenigen Zivilisten, die noch in der Umgebung von Tezirzayt ausharren, erzählen, dass Soldaten ganze Landstriche östlich des Air-Gebirges vermint hätten. Wenn Kalakouwas kleiner Konvoi durch die Wüste fährt, scheinen die Rebellen aber auffallend gut darüber unterrichtet zu sein, wo sich Panzerminen befinden. Ein Aufständischer gibt in einem unbelauschten Moment zu, dass das MNJ manchmal selber Minen lege, vor allem wenn man einen Armeekonvoi erwarte. Tatsächlich hat die Armee eine grosse Zahl von Minenopfern zu beklagen.
Laut Menschenrechtsorganisationen rächen sich Soldaten nach Minenexplosionen häufig an Zivilisten, ermorden Unschuldige und brennen deren Behausungen nieder. Opfer der Minenplage werden aber immer auch Unbewaffnete, selbst auf geteerten Strassen, wo die Minen manchmal in Schlaglöchern versteckt sind. Die meisten Explosionen ereigneten sich bisher westlich und südlich des Air-Gebirges, also in den mehrheitlich von der Regierung kontrollierten Zonen. Dies legt den Verdacht nahe, dass die Rebellen auch für die zahlreichen zivilen Minenopfer in dieser Region verantwortlich sind. Das MNJ versucht damit wohl, die Nachschubwege der Armee zu stören. Im Air-Gebirge sollte die Armee zudem von weiteren Vorstössen ins Kerngebiet der Rebellen abgehalten werden.
Allerdings gibt es auch Anzeichen dafür, dass Banditen Minen benützen, um die Opfer in Ruhe ausrauben zu können. Detonationen von Minen wurden ausserdem aus den grösseren Städten einschliesslich Niamey gemeldet, wobei die Urheberschaft dieser Anschläge unklar ist. Ein grosser Teil der Minen stammt aus dem Nachbarland Tschad, wo Angehörige der Toubou-Ethnie einen schwunghaften Handel damit aufgezogen haben. Ihr Handwerk haben sie von Minenräumern erlernt, die im Auftrag der Uno Minen entschärften. Diese hatte Libyens Armee bei ihrem Vorstoss nach Tschad in den 1980er Jahren gelegt. Eine Panzermine koste in Tschad umgerechnet zwischen 46 und 115 Franken, schreibt Nigers regierungskritische Publikation «Aïr Info». In Niger würden die Minen dann für rund 230 Franken pro Stück an die Rebellen verkauft.
Der Rückgriff auf diese heimtückischen Sprengkörper ist ein Indiz für die geschwächte Position des MNJ. Generalstabschef Kalakouwas Konvoi besteht gerade einmal aus drei bis vier Fahrzeugen mit insgesamt weniger als 30 Kämpfern. Erfolge der Armee und die Abspaltung von zwei rivalisierenden Faktionen haben die Kampfkraft des MNJ beeinträchtigt. Ähnlich wie in Mali, wo die Tuareg-Rebellen kürzlich die Waffen niederlegten, wird dem MNJ früher oder später wohl nichts anderes übrig bleiben, als in einen Frieden einzuwilligen. Libyens Revolutionsführer Ghadhafi, einer der Mentoren des MNJ, möchte den Konflikt beenden und erhofft sich davon wohl Vorteile von der nigrischen Regierung. Ein neuer Friedensvertrag kann den Krieg zwar beenden, doch werden die verlegten Landminen die Tuareg noch lange beschäftigen.
Neue Züricher Zeitung online

Von: http://www.nzz.ch/nachrichten/international/manchmal_legen_auch_wir_landminen_1.2514273.html, 07.05.2009

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