Mehr Rechte für Behinderte. Neue UNO-Konvention verspricht qualitativen Wandel auf dem Weg zur Chancengleichheit


In wenigen Tagen, am 12. Mai 2008, tritt die Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung in Kraft ' ein im UNO-Hauptquartier selten gewordener Anlass zum Feiern. 128 Staaten haben die Konvention unterschrieben, 25 haben sie schon ratifiziert.


(05.05.2008)

Es war ein langer Weg: Mit der Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung erhält das Recht behinderter Menschen auf Chancengleichheit eine völkerrechtlich verbindliche Grundlage. Sie markiert den weltweiten Wechsel von einem karitativ und medizinisch dominierten Umgang mit Behinderung zu einem sozialen, an den Menschenrechten orientierten Ansatz. Die Konvention ist für die Entwicklungszusammenarbeit von großer Bedeutung. Sowohl die Entwicklungs- als auch die sogenannten Geberländer sind aufgefordert, die Belange von Menschen mit Behinderung bei allen humanitären und entwicklungspolitischen Maßnahmen zu berücksichtigen.

Durch Umsetzung so sperriger Vorgaben wie »inklusiver Entwicklung« oder »Mainstreaming von Behinderung« soll es gelingen, diese Menschen gleichberechtigt in Entwicklungsprozesse einzubeziehen. Die mit den Millenniumszielen anvisierte Halbierung der absoluten Armut bis zum Jahr 2015 kann nicht erreicht werden, wenn die Bedürfnisse von zehn Prozent der Weltbevölkerung, die überdurchschnittlich stark von Armut betroffen sind, außer Acht gelassen werden.

Deutsche Nichtregierungsorganisationen (NGO), darunter Solidaritätsdienst International (SODI), wollen dieser Problematik verstärkte Aufmerksamkeit widmen. Die »AG Behindertenarbeit in Entwicklungsländern« beim entwicklungspolitischen Dachverband VENRO ist ein anregendes Forum, in dem sich spezialisierte NGO und »Generalisten« wie SODI austauschen und zivilgesellschaftlichen Druck auf die Politik bündeln können.
SODI hat sich dem Thema »inklusive Entwicklung« vor allem durch sein auf Gemeinde und Familie basierendes Rehabilitationsprogramm für über 400 Kinder und Jugendliche in Vietnams Provinz Nghe An genähert. Im Rahmen dessen entstanden zwei kleine Rehabilitationszentren, wo Betroffene über drei Jahre therapiert werden. Vor allem aber wurden ' neben der Schulung von medizinischem Personal ' rund 100 Multiplikatoren in Gemeinden und Dörfern darauf vorbereitet, den Familien mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Mit ihrer Hilfe soll es gelingen, das Selbsthilfepotenzial von Menschen mit Behinderung zu stärken, ihre Lebensqualität zu verbessern und die Familien ökonomisch zu entlasten. Bei der Realisierung des Reha-Programms gelingt es immer besser, einen wichtigen Aspekt »inklusiver Entwicklung« zu beachten: Der Erfolg führt über die aktive Mitwirkung der Betroffenen selbst und ihrer Familien in allen Phasen des Vorhabens.

Dies bestätigte auch Assistenzarzt Lang, Leiter des Gesundheitszentrums von Quynh Thanh, einer katholischen Gemeinde mit 12 000 Einwohnern. »Die Menschen hier sind bitterarm, aber sie helfen sich gegenseitig. Die Familien haben großes Vertrauen zu uns Mitarbeitern des Gesundheitszentrums und zu den Multiplikatoren. Sie nehmen Ratschläge, wie sie mit leichten, anregenden und kräftigenden Übungen ihren Kindern helfen können, dankbar an.« Einer der Wissbegierigen ist Vater Tran Nhiem. Vorsichtig massiert er den Rücken seines jüngsten Sohnes. Dieser und sein älterer Bruder sind mit cerebral verursachten Behinderungen zur Welt gekommen. Tuyen, sieben Jahre alt, war schon mehrmals in dem zwölf Kilometer entfernten neuen Reha-Zentrum. Neugierig schaut er seinem Vater aus seinem Rollstuhl, der aus Projektmitteln finanziert wurde, bei der Massage zu. »Die Verantwortung für die Kinder liegt in unserer Familie nicht allein bei der Mutter«, erklärt Vater Tran. »Auch meine Schwester und die Oma helfen. So kann die Mutter ihrem Beruf als Lehrerin nachgehen.«

Das Reha-Programm erfasst in Quynh Thanh 13 der insgesamt 25 behinderten Kinder in der Gemeinde. Lang bedauert es sehr, dass erst nach Beginn des Programms die exakte Anzahl der Familien, die Unterstützung brauchen, bekannt wurde. »Aber was wir durch die Trainingskurse gelernt haben, kommt allen zu Gute, auch außerhalb und nach Beendigung des Reha-Programms.« Eine ermutigende Aussage.

In Vietnam leben nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation 8,4 Millionen Menschen mit Behinderung ' nicht zuletzt eine Folge jahrzehntelanger, dem Land aufgezwungener Kriege. 32,5 Prozent der betroffenen Haushalte gelten als arm. Bisher konnten nur 4,6 Prozent der Behinderten durch Reha-Maßnahmen unterstützt werden. Ganz im Sinne der UN-Konvention hat die vietnamesische Regierung bereits 2006 einen detaillierten Aktionsplan beschlossen, der unter anderem vorsieht, behinderten Menschen und ihren Familien Zugang zu sozialen Sicherungssystemen und zu Maßnahmen der Armutsbekämpfung zu verschaffen.
SODI und die Vaterländische Front Vietnams setzen gemeinsam an diesem Punkt an. Sie beziehen durch ein im November 2007 begonnenes Projekt 320 Familien mit Opfern von Landminen und Agent Orange in das integrierte Programm von SODI zur humanitären Kampfmittelräumung und zur Entwicklung in der Provinz Quang Tri ein. Ziel ist es, diesen in größter Armut lebenden Familien zu einem festen Dach über dem Kopf und zu stabileren Einkommensgrundlagen durch Kleinkredite zu verhelfen. Zum baldigen 10. Jahrestag des Programms in Quang Tri werden rund 80 Familien Häuser bezogen haben, die den Taifunen der Monsunzeit standhalten.

SODI wird seine Erfahrungen in Vietnam für die Durchsetzung von »inklusiver Entwicklung« in grundsätzlich allen seinen Vorhaben nutzen. Dazu ist die Beherrschung entwicklungspolitischer Instrumente zu erlernen, vor allem aber ist Klarheit im Kopf gefragt.
SODI-Spendenkonto: 10 20 100, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 100 205 00, Kennwort: »Rehabilitation«.

Von: 6.5.2008, www.neues-deutschland.de, von Ilona Schleicher

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