Mozambique: Fast allein im Paradies


Mozambique ist aus den Schlagzeilen verschwunden und taucht immer öfter in Reisemagazinen auf. Der Grund: 2500 Kilometer unverbaute Sandstrände, wenige Hotels und Inseln, die man die neuen Malediven nennt. Allerdings werden noch eine Million Landminen in Mozambique vermutet.


(05.09.2005)

Sie fürchten sich vor Schlangen, Löwen und Skorpionen? Da schüttelt Leon Smith bloß den Kopf. Er habe Angst vor manchen Kunden, erklärt der 27-jährige Guide. "Voriges Jahr ist im Geländewagen ein Holländer von Kapstadt nach Nairobi mitgefahren. Der hat sich in den 30 Tagen nie wirklich gewaschen", erzählt Leon beim Lagerfeuer im Transfrontier Peace Park in Mozambique. Mit der Malariamilch ' Leons Übersetzung für Gin Tonic ' in der Hand, erzählt er eine Geschichte nach der anderen: "Ein junges bayerisches Pärchen war mit mir auf einer Safari quer durch Namibia, Botswana und Zimbabwe unterwegs, 24 Tage lang haben sie ,Anton aus Tirol' gehört. All day long, den ganzen Tag über." DJ Ötzi im südafrikanischen Dschungel ' das sind die wahren Gefahren der Wildnis.

Wahre Wildnis. Ganz wie Zanzibar oder Timbuktu ist Mozambique eine jener Destinationen, deren Name allein schon nach Abenteuer, Exotik und Geheimnis klingen. 16 Jahre Bürgerkrieg, der erst 1992 endete, verpassten dem Land ein durchaus raues, rebellenhaftes Image. Heute ist Mozambique längst aus den Nachrichtensendungen verschwunden. Dafür taucht es immer öfter in Reiseprospekten auf. Und während die Region vor kurzem noch als "nicht einmal von Rucksack-Reisenden frequentiert" beschrieben wurde, urlaubt nun sogar der britische Prinz Harry dort. Der Tourismus ist im Aufwind. Und das sehr kräftig. Die kleinen feinen Resorts auf dem Bazaruto Archipel sind ausgebucht für Fotoshootings großer Designer. Elton John und Lenny Kravitz haben angeblich gerade jeweils ein Haus auf Benguerra Island gekauft. Top-Spot der Rich, Beautiful and Adventurous ist das südliche Ende der 2500 Kilometer langen Küstenlinie des Indischen Ozeans ' mit menschenleeren Stränden, riesigen Sanddünen und darin verstreut liegenden Lodges.

Kaum Gegenverkehr. Immer wieder springt Leon aus dem 16 Tonnen schweren Mercedes-Truck, um mit der Machete große Äste und Gestrüpp wegzuhacken. Hotels, Lodges und Pensionen gibt es auf dem Weg vom Dreilerändereck Simbabwe, Südafrika und Mozambique Richtung Süden nicht. "Nur Wildnis", strahlt Leon. Eine Behauptung, die sich innerhalb der sechs Tage Fahrt bestätigen sollte: Gezählte fünf Autos und vier Fahrräder lassen sich auf der Gesamtstrecke von 500 Kilometern als Gegenverkehr notieren.

"Wo wir jetzt sind, war vor kurzem noch Krieg. Und davor war Krieg und davor auch. Und wieder davor haben die portugiesischen Kolonialherren das Land ausgepresst", erzählt Leon, als am Fenster des Trucks ein zerbombter Panzer auftaucht. Bis Anfang der 90er kämpften die "Frelimos" gegen die "Renamos", nach den Friedensvereinbarungen kam Lady Diana. Nicht sie persönlich, sondern die von ihr gegründete "Diana Foundation", die sich um die Räumung großer Minenfelder kümmert. Um die befahrenen Teile des Transfrontier Peace Parks zu räumen, benötigte das Team zwei Jahre. Rund eine Million Landminen sollen noch im Busch lauern.

Hoffnungsgebiet. Seit gut zwei Jahren fällt auch auf, dass Mozambiques herrliche Archipele immer öfter auf der Touristenlandkarte auftauchen. Neben dem Bazaruto Archipel ' seit 2001 Nationalpark und mit einer Hand voll Lodges und einem Resort vor allem von reichen Südafrikanern angepeilt ' gilt das Quirimbas Archipel als das neue Hoffnungsgebiet des ansonsten völlig verarmten Landes. Immer wieder ist die Rede von der Entdeckung der "neuen Malediven". War das 400 Kilometer lange Archipel bis vor kurzem noch unberührt vom Tourismus, ist nun Goldgräberstimmung ausgebrochen.

Hotelketten pachten die letzten noch verfügbaren Inseln, ein britischer Investor hat der Regierung die Zusage für einen 350 Millionen Euro teuren Hafen in der Stadt Pemba gegeben. Die Entwicklung ist nicht nur positiv: Adel Aujan, saudiarabischer Multimillionär etwa, stellte ein 100-Zimmer- Hotel mitten in die Stadt Pemba. Und im Bazaruto National Park, wo sich Hotels noch auf zwölf Räume zu beschränken haben, bietet Aujans "Matemo Island Resort" bereits 25 Zimmer, 20 weitere sind geplant.

Wildnis regiert. "Warum sehen wir hier eigentlich so wenig Tiere?" fragen wir Leon auf der Strecke zu den eigentlich gefährlich klingenden Crocodile Heights, einem herrlichen Aussichtspunkt auf einem Felsen, weit über dem Fluss Limpopo. "Sie sind da, nur ihr seht sie mit euren Augen nicht", antwortet er. Gleichzeitig muss er die Gäste beim Lager am Fluss davor abhalten, ins Wasser zu springen. Und plötzlich tauchen sie auf. Kleine runde Augen treten unscheinbar an die Wasseroberfläche: Krokodile, die auf ihren Lunch warten. Stunden später geht Leon auf Fährtensuche. Gut, dass die Tiere, die zu den Fußabdrücken gehören, offensichtlich gerade Siesta machen: Löwen, Wildkatzen, Hyänen, Nilpferde.

Sie sind auch der Grund, warum Leon uns während der Tage im Busch ständig ermahnt, das Lager nicht zu verlassen. "Too dangerous",warnt er. Vor Beginn der Drifters Safari muss jeder Teilnehmer unterschreiben, dass er alle Regeln des Guides beachten wird. Tut er das nicht, entfällt die Haftung des Veranstalters. Denn letztlich dient es ja der eigenen Sicherheit, dem Guide zu folgen. Damit es einem nicht so geht wie etwa dem Deutschen vor einem Jahr: Er wurde von einer Büffelherde überrannt, als er frühmorgens alleine besonders gute Fotos machen wollte... "Wer auf Tiersafari gehen will, ist im Peace Park falsch. Hier geht es um die Abgeschiedenheit in der Wildnis", sagt Leon. Einer der Gründe liegt darin, dass die Tiere ' im Gegensatz zum Krüger Nationalpark ' nicht an Menschen gewöhnt sind.

Im Paradies. Busch, Dünen, Schilfhütten, Kokospalmen, weißer Sandstrand. Rundherum türkisblaues Meer, in dem sich Delfine, höchst schmackhafte Tigerfische und Krabben tummeln. Es wäre nur die halbe Wahrheit, zu sagen, dass es hier schön ist. Es ist paradiesisch. Benguerra Island ist zehn Kilometer lang und fünf Kilomer breit ' und liegt nur 20 Schnellbootminuten vom Festland und der Stadt Vilancolus entfernt. Auf den fünf Hauptinseln des Archipels gibt es derzeit eine Hand voll Chalets, die alle direkt am Strand liegen. Nur einige davon, wie das Indigo Bay Island Resort oder die Benguerra Lodge, entsprechen internationalem Standard. Der Rest läuft unter dem Begriff "barefoot luxury". Nur ohne Ruck-sacktouristen. Denen ist es hier viel zu teuer. Die Preise liegen auf Mauritius-Niveau.

Dafür bleibt man unter sich, Ruhe findet man überall: Auf dem einstündigen Fußweg von der Marlin zur Benguerra Lodge im Norden sieht man nur viel weißen Sand und ein kleines Fischerdorf. Etwas günstiger sind die Strände im Süden des Landes. Derzeit ist etwa ein Fünftel der 2500 Kilometer langen Küste auf halbwegs einfache Art zugänglich. Sammelpunkte für Badetouristen sind die Orte Bilene, Xai Xai-Beach und der Küstenstreifen vor Inhambane. Die kleinen Chalets am Strand sind zumeist nur mit Allradautos erreichbar, und auch sonst kann man hier wirklich abschalten: Handy, Telefon oder Internet funktionieren nämlich sowieso nicht.

Sandpisten. Leon kennt sie gut, die Sandpiste zwischen der Hauptstraße und dem Strand. Und er mag sie nicht besonders. Jedesmal muss er die Luft aus seinem 16-Tonner fast komplett aus den Reifen lassen, um fahren zu können. Und trotzdem bleibt der Truck beinahe jedes Mal im Sand stecken. Aber das ist eine ganz andere Geschichte der Wildnis ...

Von: 02. September 2005, http://www.diepresse.com, von ROBERT KROPF

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