Propaganda nach Tod einer Familie in Gaza (Palästina)


Israelis oder Palästinenser - wer trägt die Schuld?


(19.06.2006)

BERLIN. Zehn Tage nach dem Tod von sieben Menschen am Strand von Gaza ist die Debatte über die Schuldfrage noch in vollem Gange. Am 9. Juni waren ein Vater, eine seiner beiden Frauen sowie fünf Kinder bei einem Picknick durch eine Explosion ums Leben gekommen. Eine der Töchter, die zehnjährige Huda Ghalia, überlebte und wurde von einem palästinensischen Kameramann unmittelbar neben den Leichen gefilmt.
Starben die Opfer durch eine israelische Granate oder durch eine palästinensische Mine? Zwei Darstellungen stehen sich gegenüber: Israelische Kriegsschiffe hatten an jenem Tag mehrere Granaten auf den Strand abgefeuert. Eine davon tötete die palästinensische Familie. Die andere Darstellung besagt, dass die Ghalijas durch eine palästinensische Mine umkamen. Das Drama sei nicht nur von den Palästinensern zu Propagandazwecken missbraucht, sondern vielleicht sogar zu eben diesem Zweck inszeniert worden. Die überlebende Hudna Ghalia sei dabei eine sich hysterisch gebärdende Akteurin gewesen.

Die israelische Armee spricht sich nach einer internen Untersuchung von jeder Schuld frei: Zum Zeitpunkt der Explosion sei das Feuer längst eingestellt gewesen. Die Splitter, die aus dem Körper eines Verwundeten entfernt wurden, könnten keiner von den Israelis verwendeten Munition zugeordnet werden. Die Tiefe der Krater belege, dass sie nicht von einem der israelischen 155-Millimeter-Geschosse stammten. Einige Medien und pro-israelische Gruppen sprechen zudem von gefälschten Bildern und machen Ungereimtheiten aus: einer der leblosen Körper sei plötzlich mit einer Waffe in der Hand wieder auferstanden. Der Kameramann habe sich ob seiner schnellen Präsenz am Ort in Widersprüche verwickelt. Die Sanitäter und Helfer wären unrealistisch schnell am Unglücksort eingetroffen. Beweise seien verschwunden.

Ein Vertreter von Human Rights Watch widerspricht der Darstellung der israelischen Armee: Die Art der Verletzungen am Kopf und im oberen Bereich der Leichen deuten auf Granaten hin. Die Krater am Einschlagsort könnten sehr wohl von israelischen Geschossen verursacht worden sein. Augenzeugen, Ärzte und die Mitarbeiter der palästinensischen Ambulanz erschüttern zudem den als Hauptentlastungsbeweis angeführten zeitlichen Hergang. Diese Ansicht stützen Recherchen des britischen Guardian.

Weder die israelische Armee noch der Experte von Human Right Watch (HRW) sind jedoch in der Lage, ihre Aussagen zweifelsfrei zu belegen: Die Israelis haben keinen Zugang zum Tatort in Gaza. Der HRW-Vertreter traf erst Stunden nach dem Vorfall dort ein.

Keine Darstellung kann daher bisher bestätigt oder gänzlich verworfen werden. Insbesondere die Hamas-geführte Regierung hat durchaus Interesse, einen solchen Vorfall zwar nicht zu initiieren, so doch auszuschlachten: Sie steht unter Druck. Die zunehmende anti-israelische Stimmung hilft ihr zudem in der Auseinandersetzung mit Präsident Abbas.

Die Israelis wiederum behaupten zwar, dass ihre Armee nicht auf Zivilisten schießt. Doch in den letzten Wochen wurden tausende Granaten auf Gaza abgefeuert. 20 Zivilisten sind dabei umgekommen - ohne Schlagzeilen zu machen.





Von: 20.06.2006 von Martina Doering, Berliner Zeitung

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