Schulsystem in Trümmern


Platt gebombte Schulen, traumatisierte Schüler: Dem Libanon droht eine Schulkrise. In Tyrus und Marjaayoun wurden bereits mobile Teams gebildet, die die Schulkinder vor den Gefahren von Minen und nicht explodierten Bomben warnen.


(01.09.2006)

Am 16. Oktober soll trotzdem wie gewöhnlich das neue Schuljahr starten. "Wenn die Schulen fristgerecht wie jedes Jahre ihre Pforten öffnen, gibt das den Menschen das Gefühl von Normalität in dem sie umgebenden Chaos", erklärt Roberto Laurenti vom Kinderhilfswerk Unicef. Die Eltern erhielten dadurch ein wenig Freiraum, sich nach den Kriegswochen wieder zu sammeln. Und den Kindern, die häufig genug den Tod von Verwandten und Freunden und die Zerstörung des eigenen Wohnraumes erlebt hätten, böte die Schule einen geschützten Raum, in dem sie ihre Kriegstraumata überwinden könnten.


3,6 Milliarden Dollar für Wiederaufbau

Der Wiederaufbau der Schulen ist ein schwerer Brocken für die libanesische Regierung: Im Trümmermeer verschwanden rund 340 Schulen ' ganz oder teilweise. Zudem brauchen 1000 Schulhäuser, die von Flüchtlingen vorübergehend als Notunterkunft genutzt wurden, zumindest einen neuen Anstrich und ein paar Instandsetzungsarbeiten. Komplett wird der Wiederaufbau nach Einschätzung der libanesischen Regierung rund 3,6 Milliarden Dollar verschlingen. Knapp eine Milliarde wurde von internationalen Geberländern bislang bereitgestellt.

"Bis Ende Dezember brauchen wir allein 90 Millionen Dollar, um für die Kinder erste Hilfsmaßnahmen durchzuführen", sagt Unicef-Mann Roberto Laurenti. In Tyrus und Marjaayoun wurden bereits mobile Teams gebildet, die die Schulkinder vor den Gefahren von Minen und nicht explodierten Bomben warnen. Zudem sollen sie den Jugendlichen mit Spiel- und Maltherapien helfen, ihre Traumata zu überwinden. Lehrer werden speziell geschult, damit sie besonders schwer traumatisierte Kinder ausfindig machen können. "Während 95 Prozent der Kinder durch Malen, Spielen und Sprechen ihr posttraumatisches Stresssyndrom überwinden, schaffen die restlichen fünf Prozent es nicht alleine. Und dann muss professionelle psychologische Hilfe ran, um Langzeitschäden zu verhindern", so Laurenti.

"Unterricht im Hotel"

Bis alle Schulen saniert und mit Pulten, Stühlen, Tafeln und Lehrmaterial bestückt sind, müssen rasch flexible Zwischenlösungen gefunden werden. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren: "Wir denken an Unterricht in Doppelschichten in den noch funktionierenden Schulen, sowie an die Verlegung des Schulunterrichts in Hotels," berichtet Elie Mekhael vom halbstaatlichen "Hohen Komitee für die Kindheit." Am Schulproblem hinge laut Elie noch ein ganzer Rattenschwanz. Etwa, dass die meisten zerbombten Bildungsstätten in den Vororten von Beirut, im Südlibanon und im Bekaa-Tal lägen ' gerade dort leben die ärmsten und kinderreichsten Familien.

Doch damit nicht genug: "Unter dem Schutt liegen die Schulranzen, Bücher, Stifte, Hefte, die Uniform der Kinder, Schuhe und das Geld für die Schulgebühren begraben", so Elie. Unicef habe 350 000 Ranzen mit Unterrichtsequipment in Aussicht gestellt, doch das reiche bei weitem nicht. "Pro Kind berappen die Libanesen rund 90 Dollar Schulgebühren pro Jahr. Für Bücher kommen nochmals 50 Dollar dazu. Für die Schuluniform, Schuhe und Sportsachen werden weitere 50 Dollar benötigt. Das macht pro Kind 190 Dollar." Vor dem Krieg lag die Einschulungsrate bei 96 Prozent, eine der höchsten im arabischen Raum. Niemand weiß, wie diese Zahl in Zukunft aussehen wird.



Von: 02.09.2006, http://focus.msn.de

<<< zurück zu: News