Spiel- statt Minenfelder (Kambodscha)


Endlich werden die Führer des Terrorregimes der Roten Khmer zur Rechenschaft gezogen. Für Kambodscha, das noch immer an den Folgen der vierjährigen Schreckensherrschaft von Pol Pot leidet, ist dies ein wichtiger Schritt in eine versöhnliche Zukunft. Noch ist es ein weiter Weg, denn noch immer reißen Landminen und Blindgänger, die der jahrzehntelange Bürgerkrieg dem Land vermacht hat, Hunderte in den Tod.


(16.07.2009)

Nach offiziellen Schätzungen liegen immer noch sechs Millionen Antipersonenminen an der Grenze zu Thailand vergraben, die Tag für Tag neue Opfer fordern. Ein Hoffnungsschimmer in diesem endlosen Minenfeld ist der Fussball, mit dessen Hilfe "Spirit of Soccer" die Kinder auf die tödlichen Gefahren aufmerksam macht. Die Organisation, die als eine der ersten von der Football-for-Hope-Bewegung der FIFA und von streetfootballworld unterstützt wurde, zeigt den Kindern bei eigens entwickelten "Minentrainings", wie sie sich wirksam vor Landminen schützen können. Für die nötige Auflockerung sorgt der Fussball, der zugleich sicherstellt, dass die lebenswichtige Botschaft auch wirklich ankommt und nie vergessen geht. Aus diesem Grund werden auch allenthalben eigens bedruckte Poster, T-Shirts und Fussbälle verteilt.
Wie viele andere Organisationen der Football-for-Hope-Bewegung ist auch "Spirit of Soccer" aus schierer Verzweiflung entstanden - während des Bürgerkriegs im ehemaligen Jugoslawien, der in den 90er-Jahren die ganze Welt sprachlos machte. So auch den britischen Entwicklungshelfer
und Fussballtrainer Scotty Lee, der allerdings nicht tatenlos blieb und kurzerhand Hilfslieferungen in die Dörfer an der Front fuhr.
Ab 1996 engagierte er sich beim Wiederaufbau und leitete im Auftrag des englischen Premier-League-Klubs Arsenal Fussballtrainings. Dabei sah er in der Nähe des Flughafens von Sarajewo mit eigenen Augen, wie eine Landmine drei Kinder, die zusammen Fussball spielten, in den Tod riss. Vier weitere wurden verstümmelt - alle waren sie noch keine zehn Jahre alt.
Ausgerechnet der Fussball wurde den Kindern zum Verhängnis - kein Einzelfall, denn die Begeisterung für das runde Leder ist vielfach so groß, dass die damit verbundenen Risiken einfach ausgeblendet werden. Für Lee war genau das der Ansatz: Mithilfe des Sports wollte er den Kindern zeigen, wie sie sich wirksam vor Landminen und explosiven Kampfrückständen (EWR) schützen können. "Spirit of Soccer" war damit geboren und feierte von Beginn an einen überwältigenden Erfolg. Nach Bosnien folgte schon bald der Schritt nach Kosovo, dann in die moldawische Region Transnistrien und 2003 nach Kambodscha.
"Zusammen mit den hiesigen Bildungs- und Sportministerien und den lokalen Fussballverbänden bilden wir eigens Trainer und Lehrer aus", erklärt Lee. "Sie organisieren in ihren Gemeinden alle möglichen Fussballveranstaltungen, an deren Ende immer lebenswichtige Tipps zum Schutz vor Landminen und Warnungen vor den verminten Gebieten stehen." 46 000 Kinder an 238 Schulen in besonders gefährdeten Gebieten wurden so bislang erreicht.
Enorme Gefahren
Als Folge des Feldzugs der Roten Khmer gegen Intellektuelle und Fachkräfte leben heute über 70% der Bevölkerung von dem Wenigen, was der Boden hergibt. "Viele Menschen haben gar keine andere Wahl, als vermintes Land zu bewirtschaften", erläutert Lee. "Die meisten Kinder werden denn auch nicht durch Minen verletzt, sondern durch explosive Überreste des Kriegs wie Granaten und andere Geschosse, die hochgehen, wenn die Erwachsenen das Land beackern."
Kambodscha hat mit die höchste Behindertenrate. Damit verbunden sind bittere Armut und unfassbares soziales Elend. "Spirit of Soccer" ist in den
drei am stärksten betroffenen Provinzen des Lands tätig, so auch im berüchtigten K5-Gürtel. 100.000 Zwangsarbeiter, von denen viele an
Erschöpfung starben, verlegten dort einst drei Millionen Minen. Noch immer fordern die Minen zahllose Opfer. Dank "Spirit of Soccer" ist deren Zahl bei den Kindern um ganze 50% zurückgegangen.
"Ich will Fussball spielen, doch wegen der vielen Minen ist das hier sehr gefährlich", erzählt die 13-jährige Kluen Tie, eine von Hunderten, die an
den Turnieren von "Spirit of Soccer" in der Provinz Battambang teilnehmen. Wie viele andere Mädchen und Knaben ist sie aus einem entlegenen Dorf angereist, um einen Tag lang Fussball zu spielen und zu lernen. "Ich bin überglücklich", strahlt sie.
"Ich hoffe, dass ich in Zukunft bedenkenlos Fussball spielen kann." Noch wartet viel Arbeit auf Scotty Lee und sein Team, nicht nur in
Kambodscha, sondern bald auch an der vietnamesischen Grenze, wo unzählige Sprengkörper aus den 60er-Jahren im Boden schlummern und zahllose Kinder töten oder verletzen.
Die größte Herausforderung erwartet "Spirit of Soccer" jedoch am anderen Ende des Kontinents: im Irak, einem der gefährlichsten
Gebiete der Welt mit einer schier grenzenlosen Begeisterung für den Fussball, wie Lee bei seinem Besuch 2008 feststellen konnte. "Mitten in all der Gewalt konnten wir mithilfe des Fussballs zu couragierten, jungen Spielern vordringen", erzählt Lee von seinem Besuch 2008 in Bagdad. "Wir trainierten in der Stadt, gingen mit den Kindern aber auch raus, damit sie das ganze Elend mindestens für einige Stunden hinter sich lassen konnten."
Mit der Hilfe der Football-for-Hope-Bewegung will "Spirit of Soccer" in diesem Jahr im Nordirak ein permanentes Projekt aufziehen und - getreu seinem Motto - auch hier mit dem Fussball Leben retten.

Von: 08.05.2009, http://de.fifa.com/aboutfifa/worldwideprograms/footballforhope/news/newsid=1055564.html

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