Südlich von Darfur: 225 Ärzte für neun Millionen Menschen (Sudan)


Nach 21 Jahren Krieg gegen den Norden liegt in der autonomen Region Südsudan vieles im Argen: Für neun Mio. Menschen in einem Gebiet, das größer ist als Kenia und Uganda zusammen, und medial im Schatten der Krisenregion Darfur steht, gibt es nur 225 Ärzte und 1.200 Krankenschwestern.


(04.05.2008)

Zu wenige Ärzte in Darfurap
Zwei Jahre nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens hat die Hilfsorganisation Amref mit Hauptsitz Nairobi in Zusammenarbeit mit der südsudanesischen Volksbefreiungsarmee (SPLA) einen Plan ausgearbeitet, um die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung zu verbessern.
"Wir haben festgestellt, dass im Gesundheitswesen in den kommenden drei bis fünf Jahren 22.000 Mitarbeiter benötigt werden. Nur 7.000 sind vorhanden", sagte Amref-Generaldirektor Peter Ngatia der APA. Die Organisation - African Medical Resarch Foundation - wurde vor mehr als 50 Jahren von einem britischen Arzt gegründet und ist die größte NGO Afrikas auf dem Gesundheitssektor. Ngatia hält heute, Montag, einen Vortrag an der Universität Salzburg.

Amref bildet in der südsudanesischen Stadt Marindi seit rund zehn Jahren medizinisches Personal aus das unter dem Motto "Hilfe zur Selbsthilfe" seinerseits Kräfte im Land schult. In Marindi ausgebildete Fachkräfte übernehmen vielfach die Arbeit von Ärzten: "Ein Clinical Officer ist zum Beispiel in der Lage, einen Kaiserschnitt durchzuführen. Die Müttersterblichkeit in der Region ist mit 2.057 auf 100.000 die weltweit höchste", sagte Ngatia. Sie ist viermal so groß wie in Kenia und fünf Mal so groß wie in Uganda. Neben der hohen Müttersterblichkeit sind Malaria und Tuberkulose die größten gesundheitlichen Probleme für die Menschen im Südsudan.
Im Bezirk Terekeka ist Amref für die Basis-Gesundheitsversorgung zuständig. Das heißt, nicht nur Kranke zu behandeln, sondern die Menschen auch in Sachen Hygiene und Prävention aufzuklären und die Wasserversorgung sicherzustellen. Kein leichtes Unterfangen: "Während des Krieges sind die meisten Ärzte und ausgebildeten Krankenschwestern geflüchtet. Die Menschen blieben sich selbst und den traditionellen Heilern und Hebammen überlassen. Die Vorbehalte gegen neue Methoden sind groß."

Beispiel: Toiletten. "Das ist ein Tabu-Thema", erklärte Ngatia. "Die Leute glauben, dass es Unglück bringt, Latrinen zu graben. Denn 'graben' assoziieren sie mit Gräbern, das heißt, dass jemand stirbt. Amref wollte innerhalb von drei Jahren 500 Toiletten bauen. Nach zwei Jahren haben wir nur 100 geschafft. Wir arbeiten jetzt mit den Dorfältesten zusammen. Wenn wir diese 'Opinion-Leader' von der Nützlichkeit von Toiletten überzeugen, überzeugen wir die ganze Gemeinde."

Fragiles Vertrauen - Gefahr Landminen
Das Um und Auf ist die Kooperation mit der Gemeinde, traditionellen Heilern und Hebammen. "Der Transfer von Know-how darf keine Einbahnstraße sein, Hilfe darf nicht 'von oben herab' kommen. Die Menschen können von den Hilfsorganisationen lernen und umgekehrt. Wir müssen einander auf gleicher Ebene begegnen", erklärte Amref-Generaldirektor Peter Ngatia.
Die Arbeit sei teilweise gefährlich, erklärte der Arzt. "Einer unserer Mitarbeiter musste aus einem Dorf weg, nachdem eine Frau während eine Geburt nicht überlebt hatte. Sie war viel zu spät in medizinische Betreuung gekommen, das Baby war bereits tot, sie selbst ist auf dem Weg ins nächste größere Krankenhaus gestorben. Die Dorfbewohner haben automatisch unserem Mitarbeiter die Schuld an ihrem Tod gegeben, obwohl er nichts dafür konnte. Das zeigt: Das - mühsam errungene - Vertrauen ist schnell zerstört. Platz für Fehler gibt es nicht."

Ein weiteres Risiko, dass die Helfer eingehen: Nach mehr als 20 Jahren Bürgerkrieg liegen noch unzählige Landminen im Boden verborgen. "Es ist zu gefährlich, sich von Wegen zu entfernen. In den tropischen Wäldern können wir deshalb nur in der Trockenzeit unterwegs sein. In der Regenzeit bleiben Autos leicht im Schlamm stecken, richtige Straßen gibt es dort ja nicht. Ausweichmöglichkeiten gibt es nicht.

Infos zu AMREF
Die Hilfsorganisation Amref - African Medical and Research Foundation - wurde 1957 von dem britischen Arzt Sir Michael Wood gegründet und hat ihren Hauptsitz in Nairobi. Sie ist mittlerweile die größte NGO Afrikas auf dem Gesundheitssektor und hat 800 Mitarbeiter. Amref ist in Ostafrika sowie in Südafrika und in Mosambik tätig. Das Jahresbudget 2008 beträgt 60 Millionen US-Dollar. Spenden kommen unter anderem von Länderbüros in Nordamerika und Europa. In Schweden ist niemand geringerer als König Carl Gustaf Schirmherr. Amref-Österreich wird von dem Salzburger Arzt Walter Schmidjell geleitet.

Von: 5.5.2008, www.vienna.at

<<< zurück zu: News