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Auf der Suche nach den Landminen


Radioreportage von der irakisch-iranischer Grenze

Erstmals seit 2004 sind in diesem Jahr wieder mehr Landminen eingesetzt worden. Verantwortlich dafür waren laut dem Bericht der Internationalen Kampagne zum Verbot von Landminen (ICBL) Israel, Myanmar, Libyen und Syrien. Gleichzeitig ging die weltweite Räumung dieser Kriegswaffen voran: 2010 stand dafür mehr Geld bereit als je zuvor, und es wurden so große Flächen wie noch nie geräumt - so auch an der irakisch-iranischen Grenze.

Von Ulrich Leidholdt, ARD-Hörfunkstudio Amman, zzt. Schamiran

"Wir sind hier in dem Abschnitt, den unsere Leute von Minen befreien", erklärt Salaam Mohammed. "Da sehen wir ihre Metall-Detektoren und Werkzeuge. Jetzt machen sie den Funktionstest und das da ist die Schneise, die sie zu räumen haben."

Wir sind im Kurden-Gebiet im Nordosten Iraks, in Schamiran, nur fünf Kilometer weg von der Grenze zum Iran. Die Landschaft ist hügelig, eher karg. Hier und da wuchert niedriges Buschwerk. Salaam Mohammed trägt wie alle Männer am Hang Schutzkleidung, bestehend aus einer vom Hals über den Unterleib reichenden Splitterweste, Helm mit Gesichtsschutz und Spezialschuhen.

Tödlicher Überbleibsel aus Kriegen und Konflikten

Farbige Pflöcke markieren Wege, die man betreten darf. Andere trennen Areale ab, in denen noch Minen und Munition verborgen sind. "Während des Golfkriegs 1980-88 wollten iranische Truppen dieses Gebiet oberhalb vom Darbandikhan-Staudamm erobern. Im Fall seiner Zerstörung wäre Bagdad überflutet worden. Hier gab es schwere Kämpfe."

Salaam Mohammed arbeitet für die internationale Minenberatung MAG. Die humanitäre Organisation hilft seit mehr als 20 Jahren weltweit bei der Räumung und Entschärfung tödlicher Überbleibsel aus Kriegen und Konflikten. Seit 1992 auch im Irak, der wie hier im Grenzgebiet zum Iran großflächig minenverseucht ist.

Mohammed berichtet: "Lagepläne der irakischen Armee für die Minenfelder fehlen. Dorfbewohner und lokale Experten haben selbst versucht, die Dinger zu sprengen - natürlich mehr schlecht als recht."

Ein explosives Erbe

Erst legte die irakische Armee in den 80er-Jahren Minen, um so den Iran zu stoppen. Kurz nach Kriegsende verließ sie dann den Norden des Landes auf Druck der USA, der Schutzmacht der Kurden. Zurück bliebt ein explosives Erbe. "Die Minen wurden vor Jahrzehnten verlegt, bis zu zehn Zentimeter tief, nur wenige kann man erkennen", erklärt Mohammed.

Nach Möglichkeit versuchen die Kommandos Minen, Blindgänger und Munition fortzuschaffen, um sie sicher zu entsorgen. Das ist aber nicht immer möglich. "Was wir nicht transportieren können, wird am Ort gesprengt", erzählt Mohammed. Um Lebensgefahr für Dorfbewohner, besonders Kinder, möglichst zu vermeiden, läuft parallel zur Minenräumung eine intensive Aufklärung über die verborgenen Risiken.

Aufklärung in Schulen und Gotteshäusern

Dabei werden alle Möglichkeiten genutzt, auch am muslimischen Feiertag in der Moschee. "Die Geistlichen machen den Dorfbewohnern beim Freitagsgebet die Gefahren von Minen klar. Für die Schulkinder gibt es ein spezielles Unterrichtsprogramm." In Schamiran kann ein Gebiet, groß wie 25 Fußballfelder, wieder genutzt werden, dank der Anstrengung kurdischer Minenräumer unter Anleitung internationaler Experten.

Auch Deutschland unterstützt diese Arbeit. Auf der Fläche von Feld 34 sollen ein Mobilfunkmast und dazu eine Wachstation errichtet werden. Doch bis zur Freigabe des Geländes dauert es noch. "Wir gehen langsam, aber systematisch vor. Das hat den Vorteil, dass wir den Leuten letztendlich ein garantiert sicheres Gelände zurückgeben können", betont Mohammed.

Von der Royal Air Force zum Minenräumer

Andi hat 30 Jahre lang bei der britischen Royal Air Force gedient. Seit zwei Jahren hilft er den MAG-Teams mit seinen Kenntnissen beim Aufspüren und Entschärfen explosiver Hinterlassenschaften: "Es braucht praktische Erfahrung und da lernst du draußen täglich Neues, um den Job besser zu machen." Und darauf sei er stolz, betont Andi.

Ebenso stolz sind die kurdischen Minenräumer. Oft nehmen sie zweistündige An- und Abfahrtszeiten für den nicht besonders gut bezahlten Job auf sich. Geld, versichert Salaam Mahammed, sei auch nicht die Hauptsache für ihre Motivation: "Die Leute lieben ihren Job, wollen ihren Dörfern helfen. Als ich damit anfing, sollten es drei Monate werden. Tatsächlich bin ich jetzt seit Jahren dabei. Wir retten Menschenleben und geben neue Hoffnung. Wenn wir ein Minenfeld geräumt haben, dann ist jeder von uns stolz."

Quelle: ARD

Link zum Radiobeitrag www.tagesschau.de/multimedia/audio/audio78722.html