Gaza: „Wir müssen die Bürger vor explosiven Kriegsresten schützen“


Interview mit Guillaume Zerr von Handicap International über die Bedrohung durch explosive Kriegsreste ein Jahr nach dem militärischen Konflikt zwischen Israel und Palästina.


Gazastadt © Nick Boedicker / Handicap International

(01.07.2015)

Wie ist heute die Situation der Einwohner von Gaza?

Ein Jahr nach dem Konflikt, der mehr als 2.100 Menschen das Leben gekostet hat und mehr als 10.000 Verletzte forderte, sind die Menschen in Gaza immer noch in Gefahr. Der Waffenstillstand schützt sie nicht. Weiterhin sterben wöchentlich Menschen oder erleiden Verletzungen durch explosive Kriegsüberreste von den Kämpfen im Sommer 2014. Bei meinem letzten Aufenthalt in Gaza im Juni, konnte ich feststellen, wie stark die Familien diesen Bedrohungen ausgesetzt sind. In zahlreichen Vierteln ist es ihnen unmöglich, sich ohne Risiko zu bewegen - Grund dafür sind die explosiven Kriegsüberreste.

Auch der Wiederaufbau wird durch diese Gefahr gebremst. Es ist nicht möglich den Schutt wegzuräumen, solange er möglicherweise Granaten oder nicht explodierte Munition verbirgt. Man wird noch Jahre brauchen, um alle Sprengkörper zu räumen.

Aufgrund der Blockade des Gazastreifen, die Materiallieferungen beträchtlich einschränkt, ist der Wiederaufbau quasi noch nicht vorangekommen. Unsere Teams haben deshalb mit großen Beschaffungsproblemen zu tun, obwohl der Bedarf – speziell für besonders schutzbedürftige Menschen – immens ist. Diejenigen, die mit einer Behinderung leben, weil sie während des Krieges verletzt wurden, können hier nicht menschenwürdig und selbstbestimmt leben. Die Menschen, die während der Bombardierungen ihre Häuser verloren haben, haben immer noch kein neues Zuhause, was sogar noch für einige der Binnenflüchtlinge vergangener Konflikte gilt.

Was sind die Aktivitäten von Handicap International?

Letzten Sommer haben wir unsere Teams vor Ort mobilisiert, um sofort den besonders schutzbedürftigen Menschen zu helfen, Gehhilfen zu verteilen und Rehabilitation sicherzustellen. Seit März organisieren wir nun auch Veranstaltungen zur Aufklärung über Risiken durch explosive Kriegsreste, um möglichst weitere Opfer zu vermeiden. Das hat Priorität. Der 50 Tage dauernde militärische Konflikt war unvorstellbar gewalttätig - und gleich nach dem Ende der Kämpfe geht die Bedrohung weiter durch die explosiven Kriegsreste. Deshalb ist es unbedingt notwendig, die Menschen über richtiges Verhalten aufzuklären, das ihr Leben retten kann. Wir haben seit März 2015 fast 700 Aufklärungsveranstaltungen für über 5.000 Erwachsene und Kinder durchgeführt.

Ein anderes Team untersucht beschädigte oder zerstörte Gebäude, um den Grad oder die Art der Gefährdung zu bestimmen, die von möglicherweise vorhandenen Blindgängern ausgeht. Das ist notwendig, damit der Wiederaufbau vorankommen kann.

Wir sind seit 1996 in Gaza aktiv. Wir arbeiten mit lokalen Organisationen im Bereich der funktionellen Rehabilitation, der psychosozialen Unterstützung, in der Unterstützung von Vereinen und nun seit 2014 auch im Bereich der explosiven Kriegsreste.

Was sind die Prioritäten, um die Situation der Menschen in Gaza nachhaltig zu verbessern?

Die Frage nach explosiven Kriegsüberresten ist zentral. Sie aufzufinden und zu zerstören ist Bedingung für den Wiederaufbau. Wenn man der Bevölkerung von Gaza ermöglichen will, dass sie ihre Aktivitäten wieder aufnehmen, kann man sie nicht mit der Bedrohung durch diese Waffen zurücklassen. Ihre Beseitigung ist auch Bedingung für die Wiederherstellung der Grundversorgung im Bereich Bildung und Gesundheit.

Mehr über die Situation in Gaza und das Engagement von Handicap International.

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