Der Einsatz von Explosivwaffen in bevölkerten Gebieten im aktuellen Konflikt in der Ukraine
Seit mehr als drei Jahren dauern die Kämpfe infolge der großangelegten Invasion der Ukraine an. Seither wurden zahlreiche Einsätze von Explosivwaffen in bevölkerten Gebieten (EWIPA), wie Städte oder Wohngebieten, verzeichnet – mit schwerwiegenden Folgen für die Zivilbevölkerung. Dabei besonders gefährlich: der Einsatz von Raketen und Drohnen.
Zuletzt geändert am 19.08.2025

Explosivwaffen wie Mörserbomben, Raketen, Artilleriegranaten oder die von vielen Staaten geächtete Streumunition verursachen aufgrund ihrer Flächenwirkung massive Zerstörung. Beim Einsatz in bevölkerten Gebieten verletzen oder töten sie Menschen nicht nur direkt durch Explosionen und indirekt durch einstürzende Gebäude oder Brände – sie hinterlassen auch schwere psychische Traumata. Dies erhöht den Bedarf an Rehabilitationsmaßnahmen, psychologischer und psychosozialer Unterstützung sowie anderen Versorgungsleistungen.
Kritische zivile Infrastruktur wie Energieanlagen, Krankenhäuser, Universitäten, Schulen und Supermärkte wird häufig gezielt zerstört. Dadurch wird der Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen wie Gesundheitsversorgung, Nahrungsmitteln und Energie erheblich eingeschränkt.
Bereits über 45.000 zivile Opfer
Seit der Eskalation des Konflikts zwischen der Ukraine und Russland im Februar 2022 wurden mindestens 46.085 Zivilistinnen und Zivilisten in der Ukraine in Folge des Einsatzes von Explosivwaffen in ukrainischen Städten und Wohnvierteln getötet oder verletzt (Stand: Juni 2025).
Besonders seit Anfang 2025 haben Bombardierungen und Beschuss in bevölkerten Gebieten nochmals spürbar zugenommen. Im April 2025 wurden mindestens 209 Zivilist*innen getötet und 1.146 verletzt – ein drastischer Anstieg um 23 % im Vergleich zu März 2025 und sogar um 84 % gegenüber April 2024. Damit war April 2025 der tödlichste Monat seit September 2024.
Beide Konfliktparteien setzen Explosivwaffen in bevölkerten Gebieten ein. Doch über 90 Prozent der gemeldeten Fälle an zivilen Opfern und Schäden an der Infrastruktur fanden auf Gebieten statt, die von der Ukraine kontrolliert werden.
Zwei Waffentypen besonders gefährlich für die Zivilbevölkerung
Der unverhältnismäßige Einsatz von Raketen sowie der Einsatz von Drohnen in bevölkerten Gebieten stellen eine besonders gravierende Bedrohung für die Zivilbevölkerung in der Ukraine dar.
Allein im Januar 2025 waren Drohnen für 27 % der zivilen Todesopfer und 30 % der Verletzten verantwortlich. Sie schränken den Alltag der Menschen massiv ein, etwa beim Weg zur Schule, ins Krankenhaus oder sogar nach Hause, und verbreiten Angst auf offener Straße. Auch für Ersthelfer*innen entlang der Frontlinie sind Drohnen besonders riskant – sie behindern Evakuierungen und humanitäre Hilfe, da selbst Hilfsfahrzeuge gezielt angegriffen werden.
- Seit 2022 setzt Russland verstärkt sogenannte „Loitering Munitions“ ein – auch bekannt als „Kamikaze-Drohnen“ –, darunter die iranische Shahed. Sie fliegen niedrig, sind schwer zu orten und zerstören sich beim Einschlag selbst.
- Kurzstreckendrohnen mit „First-Person-View“-Technologie (FPV) liefern den Steuernden Echtzeitbilder und gelten theoretisch als präziser, da sie militärische von zivilen Zielen besser unterscheiden lassen. Dennoch ist ein deutlicher Anstieg ziviler Opfer durch solche Angriffe zu verzeichnen – was Zweifel an der Einhaltung des humanitären Völkerrechts aufwirft.
Neben den Drohnen stellt der Einsatz von Raketen– sowohl Marschflugkörpern als auch ballistischen Raketen – wegen ihres großen Explosionsradius eine noch größere Gefahr für die Zivilbevölkerung in dicht besiedelten Gebieten der Ukraine dar. Oft bleiben den Menschen weniger als drei Minuten, um Schutz zu suchen. Ihr Einsatz verletzt das Verhältnismäßigkeitsprinzip des humanitären Völkerrechts.
Zu den eingesetzten Systemen zählen unter anderem:
- Die Iskander-K, ein Marschflugkörper, der mit konventionellen Sprengköpfen von bis zu 480 kg oder mit Streumunition ausgestattet werden kann.
- Die KH-22, ein Marschflugkörper mit einem konventionellen Sprengkopf von bis zu 900 kg.
- Die Iskander-M, eine taktische ballistische Kurzstreckenrakete, die Sprengköpfe mit einem Gewicht von bis zu 700 kg tragen kann.
- Weitere Systeme wie die Kh-47M2, eine Hyperschallrakete, stellen aufgrund ihrer extremen Geschwindigkeit und hohen Zerstörungskraft eine vergleichbare Gefahr für die Zivilbevölkerung dar.
Besonders betroffene Bevölkerungsgruppen
Während Explosivwaffen von Natur aus nicht zwischen Kombattant*innen und der Zivilbevölkerung unterschieden können, treffen sie Zivilist*innen aber aufgrund bereits bestehender Verwundbarkeiten und Ungleichheiten auf unterschiedliche Weise. Frauen, Kinder, Menschen mit Behinderungen und ältere Personen zählen zu den am stärksten betroffenen Gruppen, da sie im Falle von Luftangriffen oft am meisten Schwierigkeiten haben, rechtzeitig Schutz zu finden. Besonders alarmierend ist, dass Kinder siebenmal häufiger als Erwachsene an den Folgen von Explosionen sterben.
Besonders schwerwiegende Einsätze in der Ukraine
Seit Januar 2024 trägt Handicap International zusammen mit anderen Nichtregierungsorganisationen in regelmäßigen Abständen besonders schwerwiegende Einsätze von Explosivwaffen in bevölkerten Gebieten in der Ukraine zusammen, die die Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung und die zivile Infrastruktur eindrücklich dokumentieren.
Statements von HI und anderen NGO:
- Januar 2024 - Juni 2024: NGOs urge to protect civilians from bombing and shelling in populated areas
- Juli 2024 - September 2024: NGOs deeply concerned by the intensification of bombardments on civilian infrastructure
- Januar 2025 - März 2025: NGOs statement on the devastating consequences of constant bombing and shelling on civilians
- April 2025 - Juni 2025: NGOs' Statement on Rising Civilian Casualties in Ukraine: Stop Bombing Civilians
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