10 Mythen über Landminen im Faktencheck |  Landmine.de
Danger Mines Schild mit Totenkopf.

Was sind Landminen?

Landminen sind Explosivwaffen, die im Boden verborgen werden und beim Kontakt oder bei Annäherung explodieren. Militärisch wird der Einsatz von Minen meist damit begründet, die Bewegungsfreiheit gegnerischer Kräfte einzuschränken oder bestimmte Gebiete zu sichern. Dafür werden sie häufig in großer Zahl und über weite Flächen verteilt – auf diese Weise entstehen ganze Minenfelder.

Grundsätzlich unterscheidet man zwei Typen:

  • Antipersonen-Minen richten sich gegen Menschen.
  • Antifahrzeug-Minen benötigen ein deutlich höheres Gewicht zur Detonation und sind gegen Panzer gerichtet, treffen aber auch zivile Fahrzeuge.

→ Lesen Sie hier alles über Landminen.

Mythos 1: "Landminen sind hauptsächlich gegen Soldatinnen und Soldaten im Krieg gerichtet"

  • Die Daten des jährlich erscheinenden Landminen-Monitor der Internationalen Kampagne zum Verbot von Landminen (ICBL) zeigen eindeutig, dass – unabhängig davon, gegen wen sie sich richten – 90 % der durch Landminen getöteten oder verletzten Menschen aus der Zivilbevölkerung stammen. 
  • Fast die Hälfte davon sind Kinder und Jugendliche, die beim Spielen bzw. der Feldarbeit häufig auf Antipersonen-Minen treffen.
  • Landminen können sich durch Umwelteinflüsse, wie starke Regenfälle, im Boden verschieben, sodass sie nicht mehr dort liegen, wo sie ursprünglich verlegt wurden. Selbst Menschen, die vermiedene Wege kennen, können so unvorhersehbar in Gefahr geraten.
  • Landminen machen über Jahrzehnte hinweg große Flächen unbrauchbar – für Landwirtschaft, Wohnraum, Schulen oder Infrastruktur. Dadurch werden wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten blockiert und viele Menschen können nach einer Flucht nicht in ihre Heimat zurückkehren oder ihre Lebensgrundlagen wiederaufbauen.
  • Oft bleibt Menschen zur Sicherung ihrer Lebensgrundlage keine andere Wahl, als Tiere auf verminten Flächen weiden zu lassen oder trotz der Gefahr weiter Landwirtschaft zu betreiben.

Mythos 2: "Landminen sind nicht verboten"

  • Für die große Mehrheit der Staaten trifft diese Aussage – zumindest im Hinblick auf Antipersonen-Minen – nicht zu:
    Über 80 % der Staaten weltweit haben die Ottawa-Konvention (1997) ratifiziert und damit Antipersonen-Minen vollständig verboten.
  • Denn Antipersonen-Minen können nicht zwischen Soldatinnen und Zivilistinnen unterscheiden und gelten daher nach dem humanitären Völkerrecht als völkerrechtswidrig unterschiedslos wirkend.
  • Das Abkommen untersagt ihren Einsatz, ihre Lagerung, Herstellung und Weitergabe und verpflichtet die Vertragsstaaten zudem zur Unterstützung von Überlebenden sowie zur Räumung verseuchter Gebiete.
  • Das Verbot gilt nicht für Antifahrzeug-Minen. Dennoch haben auch sie erhebliche humanitäre Folgen: In der Praxis können solche Minen auch Menschen treffen und somit ähnlich wirken wie verbotene Antipersonen-Minen.
  • Einige Staaten haben daher Regeln eingeführt, damit Antifahrzeug-Minen wirklich nur von schweren Fahrzeugen auslöst werden. Sie verzichten auf den Einsatz von Minen, die schon durch leichtes Berühren oder Stolperdrähte aktiviert werden könnten.

Mythos 3: „Der Ottawa-Vertrag wirkt nicht, weil die USA, Russland und China noch nicht beigetreten sind“

  • Das Ottawa-Abkommen hat den Umgang mit Antipersonen-Minen grundlegend verändert: Es setzte humanitäre Prinzipien über militärische Interessen.
  • Der Vertrag machte weltweit deutlich, wie verheerend Antipersonen-Minen für Menschen sind. Die große Mehrheit der Staaten hält sich bis heute an das Verbot.
  • Seit Inkrafttreten des Vertrags sank die Zahl der Getöteten oder Verletzten von rund 26.000 auf etwa 5.000 pro Jahr.
  • Er führte zur Vernichtung von Millionen Minen. Viele ehemals stark verminte Staaten – etwa Mosambik oder Kroatien – sind heute minenfrei.
  • Selbst Nicht-Vertragsstaaten passten ihren Umgang lange Zeit an: Die USA verzichteten über Jahre de facto auf Antipersonen-Minen – bis zur Lieferung an die Ukraine Ende 2024.

Mythos 4: „Wenn man auf eine Antipersonen-Mine tritt, hat man noch Zeit der Explosion zu entkommen“

  • Antipersonen-Minen detonieren sofort beim Auslösen – ohne Vorwarnung, ohne Verzögerung, ohne Chance zu fliehen. Sie sind so konstruiert, dass bereits geringer Druck die Explosion unmittelbar auslöst. Die Auslösemechanismen sind bewusst so gestaltet, dass die Explosion unmittelbar erfolgt.
  • Warum sich dieser Mythos hält:
    Hollywood-Darstellungen und Actionfilme zeigen häufig Szenen, in denen Personen auf Minen treten, stehen bleiben und dann Zeit haben, eine Entscheidung zu treffen. Das hat jedoch keinerlei Bezug zur realen Funktionsweise von Antipersonen-Minen.

Mythos 5: „Antifahrzeug-Minen gefährden nur Panzer und andere militärische Fahrzeuge“

  • Antifahrzeug-Minen lösen nicht nur unter Panzern aus – im Gegenteil.
  • Die meisten reagieren schon auf deutlich geringeres Gewicht, oft niedrig genug, dass Menschen, Tiere oder zivile Fahrzeuge sie auslösen können.
  • Selbst die Modelle, die höhere Lasten benötigen, werden spätestens durch ein Auto oder einen Bus aktiviert – mit gefährlichen Folgen für Zivilpersonen.

Wie sich das auswirkt, sieht man zum Beispiel in der Ukraine:

  • Die Zahl der weltweiten Opfer durch Antifahrzeug-Minen hat sich seit 2022 nahezu verdreifacht, und rund 60 % dieser weltweiten Vorfälle ereignen sich in der Ukraine. Besonders betroffen sind Landwirte, die mit Traktoren tätig sind, sowie Familien und andere Zivilpersonen, die mit dem Auto unterwegs sind.
  • Ein tragisches Beispiel: Die 20-jährige Yuliia verlor 2023 auf dem Weg zur Arbeit ihr Augenlicht und beide Beine, nachdem ihr Fahrzeug eine Antifahrzeug-Mine auslöste. Der Fahrer starb sofort; Yuliia erlitt schwerste Verbrennungen und Verletzungen.

Mythos 6: „Landminen sind besonders kostengünstig in der Produktion und deshalb eine unverzichtbare Waffe für die Grenzsicherung“

  • Minenräumungsexperten betonen es immer wieder: Landminen sind zwar kostengünstig in der Produktion, es sind aber vor allem die Folgekosten, die sie sehr teuer machen. Diese können die betroffenen Länder oft nicht selbst tragen.
  • Eine Antipersonen-Mine kostet in der Herstellung oft nur etwa drei Dollar – ihre sichere Entschärfung kann dagegen mehr als 1000 Dollar kosten.

Mythos 7: „Angesichts militärischer Bedrohungen sind Landminen heute wieder notwendig“

  • In Zeiten moderner Kriegsführung ist die militärische Wirksamkeit von Antipersonen-Minen durch technische Fortschritte stark reduziert. Spezielle Räumgeräte wie Minenpflüge, Walzen und gepanzerte Ingenieurfahrzeuge sind in der Lage, unter Beschuss innerhalb weniger Minuten „sichere“ Korridore durch Minenfelder zu schaffen → Zum Interview mit Räumungsexperte
  • Damit verlieren Minenfelder ihren früheren Abschreckungseffekt und sind heute höchstens ein taktisches Ärgernis – keine strategische Blockade mehr.
  • Anfang 2026 sind erstmals Staaten aus der Ottawa-Konvention ausgetreten. Sie begründen dies damit, dass Antipersonen-Minen ihre Grenzen angesichts des russischen Angriffskriegs besser schützen würden. Diese Annahme ist jedoch irreführend und gefährlich: Minen gefährden nicht nur Zivilpersonen, sondern auch das eigene Militär.
  • Eine Studie der Internationalen Kampagne zum Verbot von Landminen (ICBL) zeigt, dass die politischen Argumente für diese Austritte oft nicht auf überprüfbaren Fakten beruhen. Auch wenn die Sicherheitsbedürfnisse real sind, ist der Einsatz von Landminen oft Symbolpolitik, basierend auf veralteten Denkweisen und innenpolitischem Druck.

Mythos 8: ""Smarte" Minen sind sicher, weil sie sich selbst zerstören oder neutralisieren"

  • Sogenannte „smarte“ Minen bieten militärisch keine verlässliche Lösung. Ihre Mechanismen zur Selbstzerstörung oder Selbstdeaktivierung funktionieren in der Praxis nicht immer zuverlässig – etwa durch Alterungsprozesse oder Witterungseinflüsse.
  • Dadurch können Minen länger aktiv bleiben als vorgesehen und stellen weiterhin eine Gefahr für Zivilpersonen und Räumteams dar.
  • Darüber hinaus enthalten viele dieser „intelligenten“ Minen Elektronik, Batterien, Zünder oder Selbstzerstörungsmechanismen, die ihre Räumung noch gefährlicher machen. Sie können beim Entschärfen explodieren, statt einfach deaktiviert zu sein.
  • Somit werden herkömmliche Räumtechniken oft unbrauchbar oder zu riskant.

Mythos 9: „Wenn Minen sorgfältig vermessen und kartiert sind, lassen sie sich problemlos räumen“

  • Selbst kartografierte Minenfelder vereinfachen die Räumung in der Realität oft nicht, weil Umwelteinflüsse (Regen, Erosion, Überschwemmungen, Frost, Tieraktivität) Minen verschieben und die Koordinaten über die Zeit unzuverlässig machen.
  • Dies könnte z. B. in den eher feuchten Gebieten im Osten Europas der Fall sein. Aber auch an der ehemaligen verminten deutsch-deutschen Grenze gibt es aus diesem Grund bis heute noch nicht gefundene, tiefe liegende Minen.
  • Karten können also bei Planung und Priorisierung helfen, aber sie ersetzen keine sorgfältige manuelle Räumung, keine Spürhunde, keine Maschinen oder Metalldetektoren.

Mythos 10: „Moderne Technik erlaubt eine schnelle und vollständige Räumung von Minenfeldern“

  • Räumungsgeräte sind nicht überall einsetzbar, z. B. weil die Vegetation es nicht zulässt, die schweren Geräte nicht in betroffene Regionen transportiert werden können oder die Instandhaltung im jeweiligen Land nicht möglich ist.
  • In vielen Regionen und je nach Vegetation (z. B. in Waldgebieten) ist daher für die Minenräumung nur die mühsame und langwierige manuelle Entminung möglich.
  • Laden Sie hier die PDF des Faktenchecks herunter. Sie wurde gemeinsam von Handicap International und Human Rights Watch erstellt. 

Portraits aus unseren Ausstellungen

In Zusammenarbeit mit dem Journalisten und Fotografen Till Mayer haben wir zwei Ausstellungen konzipiert, die deutschlandweit verliehen werden. "Barriere:Zonen" und "erschüttert" erzählen bewegende Geschichten von Menschen aus Krisengebieten, von denen viele eine Behinderung haben. Lesen Sie hier Ihre Geschichten.

Jennifer und Boniface

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